Wie der Wind sich hebt (japanisch 風立ちぬ, Kaze Tachinu; englisch The Wind Rises) ist ein Anime von Hayao Miyazaki aus dem Jahr 2013, produziert vom Studio Ghibli. Der Film zeichnet ein weitgehend fiktionalisiertes Porträt des Ingenieurs Jirō Horikoshi, der bei Mitsubishi das Marinejagdflugzeug A6M „Zero“ konstruierte. Grundlage ist ein Manga, den Miyazaki selbst von 2009 bis 2010 in der Modellbauzeitschrift „Model Graphix“ veröffentlichte. Der Titel greift eine Zeile aus Paul Valérys Gedicht „Le Cimetière marin“ auf, die Liebesgeschichte entlehnt Motive aus Tatsuo Horis Roman „Kaze tachinu“ von 1937. Der Film lief 2013 im Wettbewerb von Venedig, war für den Oscar nominiert und kam am 17. Juli 2014 in die deutschen Kinos.
| Originaltitel | 風立ちぬ (Kaze Tachinu) |
|---|---|
| Produktionsland | Japan |
| Jahr | 2013 |
| Regie | Hayao Miyazaki |
| Drehbuch | Hayao Miyazaki, nach seinem eigenen Manga |
| Darsteller | Stimmen: Hideaki Anno, Miori Takimoto, Hidetoshi Nishijima, Mansai Nomura; deutsche Fassung: Tim Knauer, Kaya Marie Möller, Till Endemann, Marcus Off |
| Laufzeit | 126 Minuten |
| FSK | ab 6 Jahren |
| Kinostart Deutschland | 17. Juli 2014 |
| Genre | Animationsfilm, Biografie, Drama |
| Bewertungen | IMDb 7,8/10 · Rotten Tomatoes 88 % · Metacritic 83/100 (Stand: Oktober 2026) |
Wie Miyazaki zu dem Stoff kam
Nach „Ponyo“ wollte Miyazaki eigentlich eine Fortsetzung drehen. Produzent Toshio Suzuki schlug stattdessen vor, den Horikoshi-Manga zu verfilmen. Miyazaki zögerte zunächst, weil er den Stoff für Kinder ungeeignet hielt. Den Ausschlag gab eine Äußerung, die Horikoshi zugeschrieben wird: Er habe nur etwas Schönes bauen wollen.
Der Stoff hat auch einen persönlichen Hintergrund. Miyazakis Vater leitete während des Krieges einen Familienbetrieb, der Teile für Kampfflugzeuge fertigte, unter anderem für die Zero. Der Regisseur, seit seiner Kindheit von Flugzeugen begeistert und zugleich überzeugter Pazifist, hat dieses Erbe immer ambivalent gesehen. Bei den Filmfestspielen in Venedig kündigte Ghibli im September 2013 an, dass es sein letzter Spielfilm sein solle. Zehn Jahre später meldete er sich mit „Der Junge und der Reiher“ (2023) zurück.
Worum es geht: Jirōs Traum vom Fliegen
Der kleine Jirō wächst in der japanischen Provinz auf und träumt vom Fliegen. Pilot kann er wegen seiner starken Kurzsichtigkeit nicht werden. In einer englischen Fachzeitschrift stößt er auf den italienischen Flugzeugbauer Giovanni Battista Caproni, der ihm fortan in Träumen erscheint und ihn ermutigt, Konstrukteur zu werden.
Auf der Zugfahrt zum Studium in Tokio gerät Jirō 1923 in das große Kantō-Erdbeben. Er hilft dem Mädchen Naoko Satomi und ihrer verletzten Begleiterin. Später fängt er mit seinem Studienfreund Honjō bei Mitsubishi in Nagoya an, reist mit einer Delegation zu Junkers nach Dessau und arbeitet sich trotz Wirtschaftskrise und knapper Mittel zu einem der fähigsten Konstrukteure hoch.
Jahre nach dem Erdbeben begegnet er Naoko in einem Sommerhotel wieder. Die beiden verlieben sich und heiraten, obwohl sie an Tuberkulose erkrankt ist. Während Jirō an dem Entwurf arbeitet, der zur Zero führt, verschlechtert sich ihr Zustand. Der Film endet mit einem Traumbild, das den Preis dieser Arbeit andeutet, ohne ihn auszubuchstabieren.
Jirō, Naoko und Caproni: Die Hauptfiguren
Miyazakis Jirō ist still, höflich und von seiner Arbeit besessen. Er denkt in Flügelprofilen und Nietenköpfen und nimmt die politischen Umstände seiner Zeit nur am Rand wahr. Im Original spricht ihn Hideaki Anno, der Schöpfer von „Neon Genesis Evangelion“, in der deutschen Fassung Tim Knauer. Seinen Studienfreund Honjō spricht Hidetoshi Nishijima, Caproni der Kyōgen-Darsteller Mansai Nomura.
Naoko ist keine historische Person. Die Figur ist Horis Roman entlehnt, in dem eine junge Frau an Tuberkulose leidet, und hat mit Horikoshis realem Privatleben wenig zu tun. Im Film steht sie für das private Glück, das Jirō neben seiner Arbeit kaum Zeit widmet. Gesprochen wird sie von Miori Takimoto, auf Deutsch von Kaya Marie Möller.
Der reale Caproni (1886–1957) baute in Italien unter anderem große Bomber und Flugboote. Im Film ist er Jirōs Traumgefährte, ein überschwänglicher Lehrmeister, mit dem er die Frage verhandelt, ob schöne Maschinen unschuldig bleiben können, wenn andere sie in den Krieg schicken.
Handgezeichnete Bilder und Musik von Joe Hisaishi
Wie bei Ghibli üblich, ist der Film überwiegend von Hand gezeichnet. Die Figuren entwarf Kitarō Kōsaka, die künstlerische Leitung lag bei Yōji Takeshige. Besonders viel Sorgfalt gilt den Flugzeugen, den Städten und Landschaften der 1920er und 1930er Jahre sowie dem Erdbeben, das als bedrohlich wogende Bewegung der Erde inszeniert ist. Die Traumsequenzen mit Caproni lösen sich von der Realität und bilden einen poetischen Gegenpol zum nüchternen Konstruktionsalltag. Auch die Tonspur geht einen ungewöhnlichen Weg: Sie wurde in Mono abgemischt, und viele Geräusche, vom Propellerbrummen bis zum Grollen des Bebens, entstanden aus menschlichen Stimmen.
Die Musik schrieb Joe Hisaishi, der seit „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ nahezu alle Filme Miyazakis vertont hat. Seine zurückhaltenden, oft wehmütigen Themen mit europäischem Einschlag tragen die melancholische Grundstimmung. Im Abspann erklingt „Hikōki-gumo“ von Yumi Arai (heute Yumi Matsutoya), ein Lied von 1973. Außerdem singt eine Nebenfigur den Schlager „Das gibt’s nur einmal“ aus „Der Kongreß tanzt“ (1931). Für seine Musik erhielt Hisaishi den Japanese Academy Prize.
Kritik, Kassenerfolg und Oscar-Nominierung
Die Fachpresse nahm den Film überwiegend sehr positiv auf. Gelobt wurden die handwerkliche Qualität und der Ernst, mit dem er sich einem schwierigen Thema nähert. Lou Lumenick von der New York Post sah ihn eher als Film für Erwachsene, Mark Schilling von der Japan Times zog Parallelen zu „Porco Rosso“. Der Filmdienst hob hervor, wie technisch souverän und ernsthaft Miyazaki von der Verstrickung eines Ingenieurs in die Rüstungsindustrie erzählt, und empfahl ihn ab 14 Jahren.
Differenzierter fiel die Besprechung von Gerhard Midding für den Evangelischen Pressedienst aus. Er beschrieb Jirō als naiven Träumer in politisch aufgewühlten Jahrzehnten und nannte die Erzählweise riskant, weil die ideologischen blinden Flecken des Helden auf dem Film lasten. Aufgefangen werde das durch die poetische Aufmerksamkeit für Wind, Luft und Aerodynamik. Andere Kritiker bemängelten, der Film blende die Folgen von Horikoshis Arbeit weitgehend aus.
In Japan wurde „Wie der Wind sich hebt“ mit rund 11,6 Milliarden Yen der erfolgreichste japanische Film des Jahres 2013. Er lief im Wettbewerb der 70. Filmfestspiele von Venedig, war für den Oscar als bester Animationsfilm und für den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film nominiert und gewann unter anderem den Japanese Academy Prize als Animationsfilm des Jahres sowie mehrere Kritikerpreise in den USA. In Deutschland brachte ihn Universum Anime ins Kino; bis Oktober 2014 spielte er dort rund 369.000 Euro ein.
Warum der Film in Südkorea und Japan umstritten war
Kritik kam von mehreren Seiten. Nutzer in Südkorea warfen Miyazaki vor, einen Konstrukteur jenes Flugzeugs zu verklären, das für Japans militärische Aggression steht und an dessen Fertigung koreanische Zwangsarbeiter beteiligt waren. Miyazaki entgegnete, Horikoshi habe sich den Forderungen des Militärs widersetzt und könne nicht für alles verantwortlich gemacht werden, was in seiner Zeit geschah.
Aus dem rechten politischen Lager in Japan kam dagegen der Vorwurf, der Film sei zu kritisch gegenüber dem Krieg. Befeuert wurde das durch einen Essay, in dem Miyazaki Pläne zur Änderung des pazifistischen Artikels 9 der japanischen Verfassung ablehnte. Eine Anti-Tabak-Organisation beanstandete zudem, wie oft im Film geraucht wird, auch in der Nähe der kranken Naoko.
Schönheit und Schuld: Für wen sich der Film lohnt
Im Kern kreist der Film um eine Frage: Darf man etwas Schönes erschaffen, wenn man weiß, wofür es verwendet wird? Miyazaki gibt darauf keine eindeutige Antwort. Er zeigt einen Menschen, der seinem Traum folgt, und lässt die Zuschauer mit dem Widerspruch zwischen technischer Eleganz und Zerstörung allein.
Damit unterscheidet sich der Film deutlich von Miyazakis fantastischen Werken wie „Chihiros Reise ins Zauberland“. Er ist sein einziger Langfilm über eine historische Person und verlagert das Staunen über das Fliegen, das schon „Porco Rosso“ prägte, in eine reale und belastete Epoche.
„Wie der Wind sich hebt“ ist ein ruhiger, erwachsener Ghibli-Film, der Schönheit und Schuld nebeneinander stehen lässt. Wer Action oder Fabelwesen erwartet, wird enttäuscht; wer sich auf eine melancholische Künstlerbiografie mit großartig gezeichneten Flugmaschinen einlässt, findet eines der persönlichsten Werke des Regisseurs. Wer nach dem Abspann noch über Mitschuld und Verdrängung rund um den Zweiten Weltkrieg nachdenken möchte, findet in Christian Petzolds Phoenix (2014) ein deutsches Gegenstück aus demselben Kinojahr. Die politische Kritik gehört zur Wirkungsgeschichte dazu und macht den Film eher interessanter als schwächer.








