Mutter ist ein deutscher Film von Carolin Schmitz aus dem Jahr 2022, der sich zwischen Dokumentar- und Spielfilm bewegt. Grundlage sind Gespräche mit acht Frauen zwischen 30 und 75 Jahren über ihre Erfahrungen als Mütter. Zu sehen ist allerdings keine von ihnen, sondern ausschließlich Anke Engelke: Sie bewegt die Lippen synchron zu den Originalaufnahmen und verkörpert so alle acht Stimmen in einer einzigen Figur, die durch einen ganz gewöhnlichen Alltag geht. Uraufgeführt wurde Mutter am 26. Juni 2022 beim Filmfest München, danach lief er unter anderem bei der Viennale. Am 29. September 2022 startete er im Verleih von mindjazz pictures in den deutschen Kinos. Im November 2022 erhielt Schmitz dafür den Hessischen Filmpreis in der Kategorie Dokumentarfilm, die Deutsche Film- und Medienbewertung vergab das Prädikat „besonders wertvoll“.
| Originaltitel | Mutter |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2022 |
| Regie | Carolin Schmitz |
| Drehbuch | Carolin Schmitz (Buch und Konzept) |
| Darsteller | Anke Engelke |
| Laufzeit | 88 Minuten |
| FSK | ohne Altersbeschränkung |
| Kinostart Deutschland | 29. September 2022 |
| Genre | Dokumentarfilm mit Spielhandlung, Drama |
| Bewertungen | IMDb 6,2/10 (Stand: Oktober 2026) |
Acht Stimmen, ein Körper: das Prinzip des Films
Eine klassische Handlung hat Mutter nicht. Engelke spielt eine Frau mittleren Alters, die als Schauspielerin an einem Theater arbeitet, und die Kamera begleitet sie durch ihre Tage: Sie hängt Wäsche auf, putzt Fenster, kocht, sitzt im Café, lässt sich in der Maske frisieren, fährt durch die Stadt, probt auf der Bühne oder schraubt am Auto. Über all diese Szenen legen sich die Stimmen der interviewten Mütter, die nicht chronologisch, sondern im Wechsel erzählen. Engelke formt die Sätze mit dem Mund mit, als kämen sie aus ihr selbst, während die Menschen um sie herum kaum darauf reagieren.
Die Berichte kreisen um Überforderung, Zweifel und Wut, um Partnerschaft, Verzicht und schwierige Entscheidungen, aber ebenso um Zuneigung und Liebe. Wer gerade spricht, erfährt man nie; nur der Klang der Stimme und die Art zu erzählen unterscheiden die Frauen voneinander. Einige Aussagen sind unbequem: Eine Frau spricht offen über Wut, die sich gegen ihre eigenen Kinder richtete. Gerade solche Passagen geben dem Film seine Reibung, weil sie dem verbreiteten Bild vom selbstverständlichen Mutterglück widersprechen.
Carolin Schmitz und ihre Arbeit mit fremden Stimmen
Carolin Schmitz, geboren 1967 in Wiesbaden, arbeitete zunächst als Buchhändlerin und studierte ab 1997 an der Kunsthochschule für Medien in Köln. Bekannt wurde sie mit Dokumentarfilmen, die gesellschaftliche Themen sehr stilisiert und ohne wertenden Kommentar angehen. Für den Kurzfilm Benidorm (2006) erhielt sie den Deutschen Kurzfilmpreis in Gold, ihr Langfilmdebüt Porträts deutscher Alkoholiker bekam eine lobende Erwähnung in der Berlinale-Sektion Perspektive Deutsches Kino, und in Schönheit (2011) begleitete sie Menschen, die sich Schönheitsoperationen unterziehen.
Die Methode von Mutter hatte sie zuvor im Kurzfilm Krise (2018) erprobt: Dort sitzen vier gleich aussehende, identisch gekleidete Männer auf einem Sofa und erzählen mit fremden Stimmen von Krisen in ihrem Leben. Die Trennung von Stimme und Körper verschiebt die Aufmerksamkeit. Man schaut nicht auf das Gesicht der Sprecherin, um sie zu beurteilen, sondern hört zu.
Produktion, Kamera und Ton
Produziert hat Ingmar Trost mit der Kölner Firma Sutor Kolonko in Koproduktion mit dem WDR. Gedreht wurde laut filmportal.de in Wiesbaden, Rüsselsheim, Köln und Umgebung. Hinter der Kamera stand Reinhold Vorschneider; seine ruhigen, oft statischen Einstellungen geben Engelke den Raum, mit kleinen Gesten zu spielen. Großen Anteil hat die Tonarbeit von Andreas Radzuweit, der die Atmosphäre der Interviewaufnahmen mit den Geräuschen der Spielszenen verbindet. Für Anke Engelke, die vor allem als Komikerin aus der Wochenshow und Ladykracher bekannt ist, war es nach Mein Sohn (2021) bereits die zweite Mutterrolle innerhalb kurzer Zeit, hier allerdings fast ohne eigene Stimme.
Preise und Kritiken zu Engelkes stummer Hauptrolle
Die Jury des Hessischen Film- und Kinopreises, der mit 18.000 Euro dotiert ist, hob bei der Verleihung in Kassel die Klarheit und inhaltliche Fülle des Films hervor und lobte, wie Schmitz mit statischen Bildern ein Thema beleuchte, das meist als selbstverständlich gilt. Die Jury der Deutschen Film- und Medienbewertung nannte Engelkes Leistung herausragend und würdigte die Mischung der Tonebenen.
In der Fachkritik fiel das Urteil differenzierter aus. Ulf Lepelmeier vergab bei Filmstarts dreieinhalb von fünf Sternen und beschrieb den Film als fragmentarisches Kunstprojekt, das trotz prominenter Hauptdarstellerin eher Experimentalkino als Komödie sei. Stephen Dalton sah ihn für das Branchenportal The Film Verdict nach der Münchner Premiere als frisches, nie langweiliges Konzept, fand die meisten Erfahrungsberichte aber zu allgemein, um einen tiefen Eindruck zu hinterlassen. Als der Film 2024 in der ARD-Mediathek verfügbar war, nannte Tilmann P. Gangloff in der Stuttgarter Zeitung die Idee faszinierend, zweifelte aber an einer nachhaltigen Wirkung. An der Kinokasse blieb Mutter ein Nischenfilm: Die FFA zählte bis Januar 2023 rund 18.700 Besucher.
Was die Versuchsanordnung leistet und wo sie an Grenzen stößt
Die Stärke von Mutter ist ein Perspektivwechsel, der sofort funktioniert. Weil alle Sprecherinnen dasselbe Gesicht haben, fallen Kategorien wie Alter, Herkunft oder Milieu zunächst weg, und es bleibt das Gesagte. Engelke spielt dabei nicht acht verschiedene Figuren, sondern eine Frau, in die sich die Erfahrungen der anderen einschreiben. Dass sie das ohne komödiantische Mittel schafft, gehört zu den bemerkenswertesten Leistungen ihrer Laufbahn.
Die Grenze des Verfahrens liegt in seiner Gleichförmigkeit. Nach einer halben Stunde ist das Prinzip verstanden, und der Film setzt auf keine weitere Eskalation. Wer eine Dramaturgie mit Wendepunkten erwartet, wird ungeduldig werden, und einige Berichte bleiben tatsächlich im Allgemeinen. Wer sich dagegen auf den ruhigen Rhythmus einlässt, bekommt einen ungewöhnlich ehrlichen Film über Mutterschaft, der Ambivalenzen ausspricht, ohne sie aufzulösen. Er eignet sich für ein Publikum, das sich für dokumentarische Formen interessiert, und für Gespräche im Anschluss, etwa im Kino, in Seminaren oder unter Eltern.
Quellen
- filmportal.de: Mutter (Credits, Drehorte, FSK, Uraufführung, Kinostart, Besucherzahlen)
- filmportal.de: Biografie von Carolin Schmitz
- filmportal.de: Hessischer Filmpreis für Dokumentarfilm geht an „Mutter“ (25. November 2022)
- FBW: Jury-Gutachten zu Mutter
- Filmstarts: Kritik von Ulf Lepelmeier
- The Film Verdict: Rezension von Stephen Dalton
- Stuttgarter Zeitung: Besprechung von Tilmann P. Gangloff (2024)
- German Documentaries: Mother (Festivals)








