Phoenix (2014): Petzolds Nachkriegs-Noir mit Nina Hoss

Phoenix (2014): Petzolds Nachkriegs-Noir mit Nina Hoss

Phoenix ist ein deutsches Drama von Christian Petzold aus dem Jahr 2014, erzählt mit den Mitteln des Film noir. Nina Hoss spielt Nelly Lenz, eine jüdische Sängerin, die Auschwitz mit schweren Gesichtsverletzungen überlebt und im zerstörten Berlin nach ihrem Mann sucht. Ronald Zehrfeld verkörpert diesen Mann, Johnny, der seine Frau für tot hält und sie nicht wiedererkennt; Nina Kunzendorf spielt Nellys Freundin Lene. Nach Barbara (2012) standen Hoss und Zehrfeld erneut gemeinsam vor Petzolds Kamera. Seine Weltpremiere feierte der Film im September 2014 beim Filmfestival in Toronto, die Europapremiere folgte im Wettbewerb von San Sebastián, wo er den Preis der internationalen Filmkritik (FIPRESCI) gewann. In den deutschen Kinos startete Phoenix am 25. September 2014.

OriginaltitelPhoenix
ProduktionslandDeutschland
Jahr2014
RegieChristian Petzold
DrehbuchChristian Petzold, Mitarbeit: Harun Farocki; nach Motiven des Romans Le retour des cendres von Hubert Monteilhet
DarstellerNina Hoss, Ronald Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge
Laufzeit98 Minuten
FSKab 12 Jahren
Kinostart Deutschland25. September 2014
GenreDrama, Film noir
BewertungenIMDb 7,3/10 · Rotten Tomatoes 98 % · Metacritic 89/100 (Stand: Oktober 2026)
Trailer (YouTube-Kanal: Piffl Medien)

Berlin 1945: Eine Totgeglaubte sucht ihren Mann

Im Sommer 1945 bringt Lene Winter, die für die Jewish Agency arbeitet, ihre Freundin Nelly nach Berlin. Nelly hat das Lager knapp überlebt, eine Schussverletzung hat ihr Gesicht zerstört. Ein Chirurg rekonstruiert es, doch die Frau, die danach in den Spiegel blickt, sieht nicht mehr aus wie früher. Lene hat herausgefunden, dass Nellys gesamte Familie ermordet wurde und ihr ein beträchtliches Erbe zusteht. Sie plant, mit Nelly nach Palästina auszuwandern, und hat Grund zu der Annahme, dass Nellys Mann Johnny, ein nichtjüdischer Pianist, seine Frau an die Gestapo verraten hat.

Nelly will davon nichts hören. Sie sucht Johnny und findet ihn als Hilfskraft in einem Nachtclub für amerikanische Soldaten, der „Phoenix“ heißt. Er erkennt sie nicht, bemerkt aber eine Ähnlichkeit mit seiner angeblich toten Frau. Daraus entwickelt er einen Plan: Die Fremde, die sich Esther nennt, soll Nelly spielen, damit er an das Erbe gelangt. Nelly willigt ein. In Johnnys Wohnung lernt sie, ihre eigene Handschrift zu imitieren, sich so zu schminken und so zu gehen wie die Frau, die sie selbst einmal war. Sie will herausfinden, ob dieser Mann sie geliebt oder ausgeliefert hat. Wie die Inszenierung ihrer „Rückkehr“ ausgeht, sei hier nicht verraten.

Vom französischen Kriminalroman ins zerstörte Berlin

Die Grundidee stammt aus Hubert Monteilhets Kriminalroman Le retour des cendres von 1961, der im Frankreich der Nachkriegszeit spielt und 1965 von J. Lee Thompson als Return from the Ashes verfilmt wurde. Petzold verlegte die Geschichte nach Berlin unmittelbar nach der Kapitulation, änderte Namen und Berufe der Figuren und verzichtete auf die Tagebuchform der Vorlage. Am Drehbuch arbeitete Harun Farocki mit, der Petzold seit vielen Jahren als Ko-Autor begleitet hatte. Farocki starb im Sommer 2014, wenige Wochen vor der Premiere; Phoenix war seine letzte Drehbucharbeit. Gewidmet ist der Film dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Frankfurter Auschwitz-Prozesse vorangetrieben hatte.

Als weitere Bezugspunkte werden immer wieder Alfred Hitchcocks Vertigo und Georges Franjus Augen ohne Gesicht genannt. Das Motiv ist verwandt: Ein Mann formt eine Frau nach dem Bild einer Verstorbenen. Bei Petzold weiß die Frau allerdings von Anfang an, wer sie ist, und das Publikum weiß es auch. Die Spannung entsteht nicht aus einem Rätsel, sondern aus der Frage, wann und wie Johnny begreift, wen er da vor sich hat.

Kamera, Ausstattung und „Speak Low“

Gedreht wurde laut filmportal.de zwischen August und Oktober 2013 auf 35-Millimeter-Film im Breitwandformat. Kameramann Hans Fromm, ein langjähriger Partner Petzolds, setzt auf satte Farben, Nachtszenen im Neonlicht des Clubs und lange Einstellungen in engen Innenräumen. Die Ruinenlandschaft bleibt oft am Rand des Bildes, der Film wirkt eher wie ein Kammerspiel als wie ein Trümmerfilm. Die Filmmusik schrieb Stefan Will, den Schnitt besorgte Bettina Böhler.

Zentrale Bedeutung hat Kurt Weills Lied „Speak Low“ aus dem Broadway-Musical One Touch of Venus von 1943, dessen Text Ogden Nash verfasste. Das Stück zieht sich als Motiv durch den Film und wird zum Schlüssel der Schlussszene. Daneben ist im Club Cole Porters „Night and Day“ zu hören. Die Musik der Emigranten im Berlin der Täter: Auch darin steckt ein Kommentar.

Hoss, Zehrfeld und Kunzendorf als Dreieck aus Schuld

Nina Hoss hatte zuvor bereits in Yella, Jerichow und Barbara mit Petzold gearbeitet. Ihre Nelly ist über weite Strecken zurückgenommen, fast tonlos, eine Frau, die sich erst wieder in ihrem Körper zurechtfinden muss. Zehrfeld spielt Johnny nicht als eindeutigen Schurken, sondern als einen Mann, der sich in Verdrängung und Geschäftssinn eingerichtet hat. Nina Kunzendorf gibt Lene als Gegenfigur: diejenige, die sich an die Wahrheit hält und nicht mehr an Deutschland glaubt. Für diese Rolle erhielt sie 2015 den Deutschen Filmpreis als beste Nebendarstellerin; Hoss war als beste Hauptdarstellerin nominiert. In kleineren Rollen sind Michael Maertens als Chirurg und Imogen Kogge zu sehen.

Lob, Einwände und internationale Resonanz

In Deutschland wurde Phoenix überwiegend gelobt, aber auch heftig diskutiert. Christian Buß sah im Spiegel ein präzises Krimi-Melodram, das die Grenzen des deutschen Geschichtskinos erweitere. Cristina Nord bescheinigte dem Film in der taz einen harten, die Deutschen nicht schonenden Blick auf den Nationalsozialismus, fand die kontrollierte Machart aber stellenweise zu kalkuliert und einige Dialoge zu belehrend. Julia Dettke hob in der Zeit hervor, dass der Film keine einfachen Lösungen anbiete. Der schärfste Einwand kam von Georg Diez, ebenfalls im Spiegel: Er warf Petzold vor, ein Menschheitsverbrechen auf Kammerspielformat zu verkleinern, und kritisierte die Darstellung der Figuren als geschichtspolitisch fragwürdig. Die Deutsche Film- und Medienbewertung vergab das Prädikat „besonders wertvoll“. An der Kinokasse blieb der Film bescheiden: Bis Dezember 2014 zählte die FFA gut 93.000 Besucher in Deutschland.

Im englischsprachigen Raum, wo der Film 2015 startete, fiel die Resonanz noch deutlicher aus. A. O. Scott lobte ihn in der New York Times als intelligent und makellos erzählt, Kenneth Turan in der Los Angeles Times hob die Leistung von Nina Hoss hervor, und Joe Morgenstern vom Wall Street Journal schrieb vor allem dem Finale große Kraft zu. Das National Board of Review zählte Phoenix zu den fünf besten fremdsprachigen Filmen des Jahres 2015, in Nordamerika spielte er rund 3,1 Millionen US-Dollar ein. Hoss erhielt beim Filmfestival in Seattle 2015 den Preis als beste Darstellerin, später nahm die Criterion Collection den Film in ihr Programm auf.

Warum der Film trotz Unwahrscheinlichkeiten trägt

Wer realistisches Geschichtskino erwartet, wird an Phoenix manches bemängeln: Dass ein Ehemann seine Frau nach einem knappen Jahr Trennung nicht erkennt, ist kaum plausibel, und auch die Figur der Lene dient mehr der Konstruktion, als dass sie ein eigenes Leben bekäme. Petzold nimmt diese Künstlichkeit bewusst in Kauf. Er erzählt keine Chronik der Nachkriegszeit, sondern ein Gleichnis über ein Land, das seine Opfer lieber nicht wiedersehen will. Johnnys Wunsch, eine KZ-Heimkehrerin ohne Spuren des Lagers vorzuführen, sagt mehr über die deutsche Verdrängung nach 1945 als manche ausführliche Rekonstruktion.

Die Stärke des Films liegt in seiner Ökonomie. Mit knapp hundert Minuten, wenigen Schauplätzen und drei Hauptfiguren baut Petzold eine Spannung auf, die sich in einer einzigen Szene entlädt. Diese Schlusssequenz ist der Grund, warum der Film so lange nachwirkt, und sie funktioniert nur, weil Nina Hoss sich vorher so stark zurücknimmt. Phoenix eignet sich für ein Publikum, das Melodram und Genrekino ernst nimmt und keine Scheu vor offenen Fragen hat. Wer sich dafür interessiert, wie die Shoah das Verhältnis späterer Generationen prägt, findet in Hannas Reise einen ganz anders gelagerten, gegenwärtigen Zugang zum selben Komplex.

Quellen