Die Wahrheit der Lüge (2011): Roland Rebers Psychothriller-Experiment

Die Wahrheit der Lüge (2011): Roland Rebers Psychothriller-Experiment

Die Wahrheit der Lüge ist ein deutscher Psychothriller von Roland Reber aus dem Jahr 2011. Christoph Baumann spielt einen Schriftsteller, der zwei Frauen in einem unterirdischen Labyrinth festhält, um an ihnen auszuprobieren, wie weit Menschen unter Druck gehen. Marina Anna Eich und Julia Jaschke verkörpern die Gefangenen, Antje Nikola Mönning die Verlegerin, die das Experiment vorantreibt. Der Film feierte am 27. Oktober 2011 bei den Internationalen Hofer Filmtagen Premiere und startete am 29. März 2012 in den deutschen Kinos, vertrieben von Rebers eigener Produktionsfirma wtp international. Er gehört zu den Arbeiten eines Regisseurs, der jahrzehntelang konsequent abseits der Förderstrukturen drehte und dessen Filme das Publikum regelmäßig spalteten.

OriginaltitelDie Wahrheit der Lüge
ProduktionslandDeutschland
Jahr2011
RegieRoland Reber
DrehbuchRoland Reber
DarstellerChristoph Baumann, Marina Anna Eich, Julia Jaschke, Antje Nikola Mönning
Kamera und SchnittMira Gittner
MusikWolfgang Edelmayer, Eric Zwang-Eriksson
Laufzeit97 Minuten
FSKab 16 Jahren
Kinostart Deutschland29. März 2012
GenrePsychothriller, Drama
BewertungenIMDb 3,6/10 (Stand: Oktober 2026)
Trailer (YouTube-Kanal: wtp international GmbH)

Ein Autor, zwei Gefangene und eine ablaufende Uhr

Ausgangspunkt ist ein Buchprojekt. Ein Schriftsteller will über Grenzerfahrungen schreiben und sucht dafür nicht nach Recherche, sondern nach Erlebnis. Zwei Frauen haben sich gegen Bezahlung auf ein Experiment eingelassen, dessen Ausmaß sie nicht kannten. In einer verlassenen Industrieruine, tief unter der Erde, liegen sie angekettet auf Matratzen. Der Autor setzt sie körperlicher und seelischer Qual aus, in der Hoffnung, sie an einen Punkt zu treiben, an dem etwas Wesentliches sichtbar wird.

Die Figuren tragen keine Namen, sondern Eigenschaften. Die eine ist die Mutige, die sich dem Spiel stellt und zurückschlägt, die andere die Zögerliche, die lange abwartet. Über allem steht die Verlegerin, eine undurchsichtige Frau, die den Autor drängt, weiterzugehen, und offenbar eigene Pläne verfolgt. Regeln werden aufgestellt und gebrochen, eine Uhr zählt herunter. Je länger das Experiment dauert, desto weniger ist klar, wer hier eigentlich wen kontrolliert. Das Ende lässt Reber bewusst offen, die Deutung überlässt er dem Publikum.

Gedreht ohne Drehbuch und ohne Fördergeld

Die Entstehung des Films ist typisch für Rebers Arbeitsweise. Nach Angaben der Produktion stand zuerst der Ort fest: eine stillgelegte Fabrikhalle, die Reber Monate vor dem Dreh entdeckt hatte. Dazu kam die Grundidee eines Mannes, der zwei Frauen gefangen hält. Ein fertiges Drehbuch gab es zunächst nicht. Reber entwickelte die Geschichte in gemeinsamen Gesprächen mit den Hauptdarstellern und schrieb erst danach das Buch. Gedreht wurde im Spätsommer 2011 in Augsburg und Landsberg am Lech, laut Produktion an 14 Drehtagen mit einer Arri Alexa. Finanziert wurde der Film ohne staatliche Filmförderung und ohne Fondsgelder.

Hinter der Kamera und am Schneidetisch saß Mira Gittner, Rebers Ehefrau und langjährige Partnerin. Antje Nikola Mönning und Marina Anna Eich arbeiteten nicht nur als Darstellerinnen, sondern auch als Produzentinnen mit. Dieses kleine, eingespielte Ensemble ist das Fundament fast aller Reber-Filme. Der Regisseur verstand sich weniger als Dompteur denn als Dirigent, der Solisten zu einem Ensemble zusammenführt. Die Darsteller durften ihre Rollen mitgestalten, das Drehbuch galt als Vorschlag.

Roland Reber: Ein Außenseiter des deutschen Kinos

Roland Reber, 1954 in Ludwigshafen geboren, kam vom Theater. 1989 entstand sein Welt-Theater-Projekt, seit den 2000er Jahren arbeitete er als Autor und Regisseur bei der Münchner Filmfirma wtp international. Mit Filmen wie „24/7 The Passion of Life“ (2005), „Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein“ (2007) und „Engel mit schmutzigen Flügeln“ (2009) erarbeitete er sich den Ruf eines unbequemen Provokateurs, der Sexualität, Macht und Selbstbestimmung ohne Rücksicht auf Konventionen verhandelte. Auf die „Wahrheit der Lüge“ folgten noch „Illusion“ (2013), „Der Geschmack von Leben“ (2017) und „Roland Rebers Todesrevue“ (2019).

Eine besondere Beziehung hatte Reber zu den Hofer Filmtagen, wo sechs seiner Spielfilme ihre Deutschlandpremiere erlebten. International war er gut vernetzt: Er saß in Festivaljurys in Kairo, Sitges und beim Fantasporto in Porto, das indische Filmfestival in Goa widmete ihm 2009 eine Retrospektive. Reber starb im September 2022. Die 56. Hofer Filmtage erinnerten im selben Herbst mit einer Hommage an ihn. Auch „Die Wahrheit der Lüge“ lief nach Hof auf internationalen Festivals, darunter in Goa, beim Fantasporto und in Sitges.

Fundstück oder Ermüdung: Die gespaltene Kritik

Die Rezensionen fielen so unterschiedlich aus wie bei kaum einem anderen deutschen Film des Jahrgangs. Fritz Göttler bezeichnete den Film in der Süddeutschen Zeitung als Fundstück des unabhängigen Kinos. Tim Slagman vergab bei Filmstarts 3,5 von 5 Sternen. Er schätzte den sinnlichen, philosophischen Zugriff und die Offenheit, mit der der Film seine Absichten ausstellt, warnte aber, dass die starke Abstraktion leicht ins Verkopfte kippen könne.

Deutlich skeptischer äußerte sich Paul Collmar bei kino-zeit. Er sah den angestrebten Tiefgang immer wieder durch Banalitäten unterlaufen und beschrieb einen unentschiedenen Film, der die Sinnstiftung den Zuschauern überlässt. Auch die Kritik bei kino.de fiel zurückhaltend aus: Sie empfand den Film als konventioneller als Rebers frühere Arbeiten, vermisste die Intensität radikaler Genrevorbilder wie „Martyrs“ und erwartete, dass er vor allem die bestehende Anhängerschaft des Regisseurs erreichen werde.

Wem Rebers Kammerspiel etwas zu bieten hat

Trotz der Ausgangslage zielt „Die Wahrheit der Lüge“ weniger auf Folterhorror als auf ein Spiel um Macht, worauf auch die Kritik von kino.de hinwies. Reber interessiert sich weniger für Schmerz als für die Frage: Wer setzt die Regeln, wer bricht sie, und wer profitiert davon, dass andere sie einhalten? Die Beschränkung auf eine einzige Industriekulisse und vier Figuren erzeugt jene Enge, die Reber nach eigenen Angaben anstrebte, und sie funktioniert mit geringen Mitteln. Dass der Film ganz ohne Förderung und mit einem kleinen Team entstand, merkt man ihm im besten Sinn an. Er wirkt eigenwillig und kompromisslos, nicht glatt produziert.

Die Schwächen benennen selbst wohlwollende Kritiker: Die Abstraktion geht auf Kosten der Figuren, die eher Positionen als Menschen mit eigener Geschichte sind, und manche Gedanken wirken eher behauptet als erzählt. Wer psychologische Spannung im klassischen Sinn erwartet, wird ungeduldig. Wer dagegen experimentelles, theaternahes Kino schätzt, findet hier ein konsequentes Beispiel. Einen völlig anderen Zugang zum deutschen Genrefilm desselben Jahrgangs zeigt der Horrorfilm Zimmer 205, der auf Schockeffekte statt auf Diskurs setzt. Die FSK hat Rebers Film ab 16 Jahren freigegeben.

Quellen