Maps to the Stars (2014): Cronenbergs bitterböses Hollywood-Porträt

Maps to the Stars (2014): Cronenbergs bitterböses Hollywood-Porträt

Maps to the Stars ist eine schwarze Satire über die Filmindustrie von Los Angeles, inszeniert von David Cronenberg nach einem Drehbuch von Bruce Wagner. Der Film von 2014 ist eine kanadisch-amerikanisch-französisch-deutsche Koproduktion und versammelt ein Ensemble um Julianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack, Robert Pattinson, Olivia Williams und den Jungdarsteller Evan Bird. Er feierte im Mai 2014 im Wettbewerb von Cannes Premiere, wo Julianne Moore als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. In Deutschland startete er am 11. September 2014 im Verleih von MFA+. Interessant ist der Film vor allem als Sonderfall im Werk eines Regisseurs, der Hollywood jahrzehntelang aus der Distanz von Toronto aus beobachtet hatte und hier erstmals zum Teil in den USA drehte.

OriginaltitelMaps to the Stars
ProduktionslandKanada, USA, Frankreich, Deutschland
Jahr2014
RegieDavid Cronenberg
DrehbuchBruce Wagner
DarstellerJulianne Moore, Mia Wasikowska, John Cusack, Robert Pattinson, Olivia Williams, Evan Bird, Sarah Gadon
Laufzeit112 Minuten
FSKab 16 Jahren
Kinostart Deutschland11. September 2014
GenreSatire, Drama
BewertungenIMDb 6,2/10 · Rotten Tomatoes 62 % · Metacritic 68/100 (Stand: Oktober 2026)
Trailer (YouTube-Kanal: MFA Film)

Eine Familie, eine Diva und ein Chauffeur in Los Angeles

Der Titel spielt auf die Stadtpläne an, die Touristen in Hollywood kaufen, um die Villen der Stars abzufahren. Cronenbergs Film zeigt, wer hinter diesen Adressen wohnt. Agatha Weiss, gespielt von Mia Wasikowska, reist aus Florida nach Los Angeles. Ihr Körper ist von Brandnarben gezeichnet. Sieben Jahre zuvor hatte ihre Familie sie nach einem Brand, den sie gelegt hatte, in eine Klinik gegeben. Nun sucht sie Kontakt zu den Eltern und zum jüngeren Bruder.

Dieser Bruder, Benjie, ist mit 13 Jahren bereits ein Kinderstar, der gerade einen Entzug hinter sich hat und sich benimmt wie ein Erwachsener, der zu früh Macht bekommen hat. Vater Stafford (John Cusack) ist ein prominenter Fernsehtherapeut mit Selbsthilfe-Programm und berühmter Klientel, Mutter Cristina (Olivia Williams) managt die Karriere des Sohnes. Zu Staffords Klientinnen gehört Havana Segrand (Julianne Moore), eine alternde Schauspielerin, die von ihrer verstorbenen Mutter, einem früheren Filmstar, verfolgt wird. Havana will unbedingt die Rolle der Mutter in einer Neuverfilmung von deren berühmtestem Film spielen. Agatha wird ihre persönliche Assistentin, und zwischen den Figuren bewegt sich Jerome (Robert Pattinson), ein Limousinenfahrer, der eigentlich Schauspieler und Autor werden will. Je enger sich die Fäden verknüpfen, desto deutlicher zeigt sich, dass die Familie Weiss ein Geheimnis verbirgt.

Bruce Wagners Drehbuch und der erste Dreh in den USA

Bruce Wagner kennt das Milieu von innen. Mit Mitte zwanzig fuhr er in Los Angeles selbst Limousine und schrieb nebenbei Drehbücher, später sezierte er Hollywood in mehreren Romanen. Die Figur des Chauffeurs Jerome ist teilweise an ihn selbst angelehnt. Das Drehbuch zu Maps to the Stars schrieb er in einer schwierigen Lebensphase und ließ es dann viele Jahre liegen, bevor er es Cronenberg zeigte, mit dem er befreundet ist. Ein erster gemeinsamer Anlauf scheiterte, Wagner verarbeitete Motive des Stoffs zwischenzeitlich in seinem Roman Dead Stars.

Gedreht wurde ab dem 8. Juli 2013 überwiegend in Toronto, im August folgten einige Tage in Los Angeles, unter anderem an der Union Station, am Walk of Fame und am Rodeo Drive in Beverly Hills. Hinter der Kamera stand Cronenbergs langjähriges Team: Peter Suschitzky fotografierte, Ronald Sanders schnitt, Carol Spier entwarf die Ausstattung, Denise Cronenberg die Kostüme. Howard Shore, der seit 1979 fast alle Filme des Regisseurs vertont hat, schrieb die Musik. Als wiederkehrendes Motiv zieht sich Paul Éluards Gedicht Liberté durch den Film, das mehrere Figuren wie ein Mantra aufsagen. Auf deutscher Seite war die Berliner Integral Film als Koproduzent beteiligt. Für Robert Pattinson war es nach Cosmopolis (2012) die zweite Zusammenarbeit mit Cronenberg, damals spielte er einen Milliardär im Fond einer Stretch-Limousine, nun sitzt er am Steuer. Carrie Fisher hat einen kurzen Auftritt als sie selbst.

Julianne Moore in Cannes, gespaltene Kritiken in Deutschland

Die Weltpremiere fand am 19. Mai 2014 im Wettbewerb von Cannes statt. Julianne Moore gewann dort den Darstellerinnenpreis, später auch beim Festival in Sitges, und erhielt eine Golden-Globe-Nominierung als beste Hauptdarstellerin in einer Komödie. Kommerziell blieb der Film klein: Bei einem Budget von rund 13 Millionen US-Dollar spielte er weltweit nur etwa vier bis viereinhalb Millionen ein. In den USA kam er erst im Februar 2015 regulär ins Kino.

Die deutsche Kritik war geteilt. Carsten Baumgardt bewertete den Film bei Filmstarts mit vier von fünf Sternen und lobte die gnadenlose Abrechnung mit dem Glamour, auch wenn das Erzählen holpere. Thomas Groh schrieb im Perlentaucher, Cronenberg verlagere seinen Körperhorror auf Hautausschläge und Brandnarben, die sich dem glatten Hollywood-Körperbild widersetzen, und lobte Moores Spiel. Elena Meilicke dagegen warf dem Film im Freitag vor, hinter seinen Möglichkeiten zu bleiben: Die Figuren wirkten wie Monster statt wie Menschen, die verflochtenen Handlungsstränge seien zu ordentlich aufgelöst, und statt der Medienreflexion früherer Werke wie Videodrome biete Cronenberg vor allem Moral. International fiel das Echo freundlicher aus, Metacritic weist einen Durchschnitt von 68 von 100 Punkten aus.

Satire ohne Netz: was trägt und was nicht

Wer eine leichte Branchenkomödie erwartet, wird enttäuscht. Maps to the Stars ist eher ein Familiendrama mit Geistern, verdrängter Schuld und Feuer als Leitmotiv, das sich die Kulisse Hollywoods borgt. Die Satire funktioniert dort am besten, wo sie beiläufig bleibt: in Gesprächen über Rollen, Agenten und Zahlen, in der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder wie Geschäftspartner behandelt werden. Julianne Moore spielt die zwischen Bedürftigkeit und Grausamkeit schwankende Havana mit einer Furchtlosigkeit, die auch peinliche und körperlich unangenehme Szenen nicht scheut. Evan Bird als Benjie ist die zweite Entdeckung des Films.

Die Schwächen liegen im Drehbuch. Wagners Figuren sind so durchweg verkommen, dass kaum jemand bleibt, an dem sich Fallhöhe messen ließe, und die Geistererscheinungen wirken mitunter wie Abkürzungen, um Schuld sichtbar zu machen. Die kühle, statische Inszenierung, die Cronenberg seit Cosmopolis pflegt, verstärkt die Distanz. Gerade dadurch bleibt der Film aber unbequemer als die meisten Hollywood-Satiren. Für Cronenberg-Interessierte und Liebhaber von Ensemblefilmen über Ruhm und Familie ist er sehenswert, als Einstieg in das Werk des Regisseurs eignet er sich weniger.

Quellen