Alte Seegrasspinnerei – Ökologisches, soziales und kulturelles Zentrum ist ein deutscher Dokumentarfilm von Wolfram Hannemann aus dem Jahr 2023. Er stellt ein Projekt vor, das in Nürtingen am Neckar seit Jahrzehnten Kinderbetreuung, Jugendarbeit, Kulturprogramm und Gastronomie unter einem Dach verbindet. Der Film ist kein Werk über eine Fabrik, sondern über das, was Menschen aus einem ehemaligen Industriegelände gemacht haben. Hannemann, freier Journalist, Filmkritiker und Filmemacher aus Korntal, produzierte ihn gemeinsam mit dem Trägerverein Freies Kinderhaus, der das Zentrum betreibt. Am 3. August 2023 kam der rund 70 Minuten lange Film im Verleih von Laser Hotline in die Kinos, freigegeben ohne Altersbeschränkung.
| Originaltitel | Alte Seegrasspinnerei – Ökologisches, soziales und kulturelles Zentrum |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland |
| Jahr | 2023 |
| Regie und Konzept | Wolfram Hannemann |
| Kamera | Hans-Joachim Pulli, Wolfram Hannemann, Lukas Kindermann (Drohne) |
| Schnitt | Bettina Goldschmidt |
| Musik | Robert Berger |
| Produktion | Trägerverein Freies Kinderhaus e.V., Wolfram Hannemann |
| Schauplatz | Alte Seegrasspinnerei, Plochinger Straße 14, Nürtingen |
| Laufzeit | 70 Minuten |
| FSK | ohne Altersbeschränkung |
| Kinostart Deutschland | 3. August 2023 |
| Genre | Dokumentarfilm |
Vom Seegras zur Kinderkultur: Was das Gelände erzählt
Der Name des Zentrums verweist auf die Geschichte des Ortes. Das denkmalgeschützte Ensemble an der Plochinger Straße war ab 1872 ein Gewerbestandort: Zuerst verarbeitete hier eine Spinnerei Seegras und Rosshaar, Rohstoffe, die man damals vor allem als Polstermaterial brauchte, dazu kam eine Möbelfabrik. Später produzierte eine Büromöbelfirma auf dem Areal. Seit 1991 nutzt der Trägerverein Freies Kinderhaus die Gebäude.
Der Verein selbst ist älter. Er entstand Mitte der 1980er Jahre aus einer Elterninitiative, die für ihre Kinder mehr wollte als die damals üblichen Betreuungsangebote. Zu den Gründern gehören Pit Lohse und Julia Rieger, die das Projekt bis heute als Geschäftsführung prägen. Aus der Kita wurde nach und nach ein ganzes Netz von Einrichtungen: ein Waldkindergarten, ein Schülerhort, eine Kinder-Kultur-Werkstatt, Jugend- und Fahrradwerkstatt, psychosoziale Beratung mit Kunsttherapie und die KulturKantine, die mittags Essen ausgibt und abends Bühne ist. Laut Musikinformationszentrum finden dort pro Jahr 70 bis 80 Konzerte statt, von Jazz und Swing bis zu Popmusik.
Kinder als Fremdenführer: Aufbau und Protagonisten
Hannemann gliedert seinen Film nach den Arbeitsbereichen des Zentrums und lässt die Menschen sprechen, die sie tragen. Erzieherinnen, Werkstattleiter, Köche und Kulturveranstalter erklären, was sie tun und warum. Die Gründer erinnern sich an die Anfänge, in denen vieles improvisiert war. Nürtingens Oberbürgermeister Johannes Fridrich kommt zu Wort, ebenso der frühere baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller, dessen Kinder die Einrichtungen besucht haben. Dazu treten Gemeinderäte, Geschäftsleute und Nachbarn auf, die das Projekt aus der Stadtgesellschaft heraus beschreiben.
Am stärksten wirken die Passagen, in denen Kinder die Kamera durch ihre Räume führen. Sie zeigen ohne Scheu, wo sie spielen, basteln und essen, und erklären, was ihnen gefällt. Diese Szenen sagen über das pädagogische Konzept mehr als jede Selbstbeschreibung. Zwischen den Gesprächen setzt Hannemann Drohnenflüge über das Gelände, Zeitraffer und Montagen, die den Alltag verdichten. Die Musik von Robert Berger hält das Tempo, ohne sich vorzudrängen.
Ein Film mit Anliegen: Pachtende und Stiftung
Unter der freundlichen Oberfläche liegt ein handfester Konflikt. Das Zentrum steht nicht auf eigenem Grund, der Erbpachtvertrag für das Areal läuft 2026 aus. Die Stuttgarter Zeitung berichtete im Sommer 2023, dass die Geschäftsführung sich deshalb um die Zukunft des Geländes sorgt. Gleichzeitig steht ein Generationswechsel an, denn die Gründer prägen das Haus seit fast vier Jahrzehnten.
Der Film macht aus dieser Lage kein Geheimnis. Er ist ausdrücklich auch ein Plädoyer dafür, das Zentrum zu erhalten. Wie sich die Frage weiterentwickelt hat, zeigt ein Bericht der Stuttgarter Zeitung vom Januar 2026: Demnach soll das Areal verkauft werden, und der Trägerverein will es selbst erwerben. Dafür hat das Projekt eine Stiftung gegründet und wirbt um Zustiftungen. Wer den Film heute sieht, sieht also eine Momentaufnahme kurz vor einer Entscheidung, deren Ausgang beim Dreh noch offen war.
Wolfram Hannemann und das regionale Dokumentarkino
Hannemann arbeitet seit Jahren über Themen aus dem Raum Stuttgart. 2016 drehte er „Lob ist schwerer als Tadel“ über Stuttgarter Filmkritiker, 2021 folgte „Kultourhelden“ über das Ende der Wanderkinos in Baden-Württemberg, den er selbst in die Kinos brachte. Auch die Seegrasspinnerei-Dokumentation entstand mit überschaubaren Mitteln: Die Postproduktion lief über seine Firma Laser Hotline in Korntal, Ton und Kamera teilte er sich mit Hans-Joachim Pulli.
Diese Art von Film hat im deutschen Kino eine eigene Nische. Sie läuft in Programmkinos der Region, bei Sondervorführungen und Vereinsabenden, oft mit Publikumsgesprächen. Ein ähnlich gemeinschaftliches Lebensmodell, wenn auch in ganz anderem Rahmen, zeigt der Dokumentarfilm Zen for Nothing über den Alltag in einem japanischen Zen-Kloster.
Wie Presse und Publikum den Film aufnahmen
Überregional wurde der Film vor allem von Onlinemedien besprochen. Der Pressespiegel des Verleihs nennt Texte bei kino-zeit.de, film-rezensionen.de, spielfilm.de und filmjournalisten.de sowie einen Bericht der Nürtinger Zeitung über die erste Vorführung im Juli 2023. Peter Gutting gab dem Film bei film-rezensionen.de 8 von 10 Punkten. Er lobte die Balance aus sinnlichen und informativen Passagen und dass der Film nicht zur Aneinanderreihung sprechender Köpfe wird. Zugleich wies er darauf hin, dass der Trägerverein mitproduziert hat und der Film deshalb nicht unparteiisch ist, hielt ihn aber ausdrücklich nicht für lieblose Auftragsarbeit.
Filmstarts führt keine Pressewertung. Auf der Website des Verleihs sind zudem Zuschauerreaktionen dokumentiert, die bis ins Jahr 2026 reichen. Der Film wird also auch Jahre nach dem Kinostart noch gesehen, inzwischen auch als digitale Leihversion.
Stärken und Grenzen eines parteiischen Porträts
Die Stärke des Films liegt in seiner Nähe. Hannemann hat Zugang zu allen Bereichen, und er nutzt ihn, um ein komplexes Gefüge verständlich zu machen: Wer wissen will, wie ein freier Träger Kita, Jugendhilfe, Gastronomie und Kulturbetrieb wirtschaftlich und personell zusammenhält, bekommt hier einen konkreten Einblick, wie ihn kaum eine Broschüre liefern kann. Die Kinderszenen geben dem Film Wärme, ohne ins Niedliche zu kippen.
Die Grenze ist ebenso deutlich. Kritische Stimmen, etwa zur Finanzierung, zu Konflikten im Team oder zu den Interessen des Grundeigentümers, kommen kaum vor. Der Film zeigt das Zentrum so, wie es sich selbst sieht. Das ist legitim, solange man es weiß, und Hannemann verschleiert die Beteiligung des Vereins nicht. Für Menschen aus Nürtingen und Umgebung, für Fachleute aus Pädagogik und Soziokultur und für alle, die selbst ein solches Projekt aufbauen wollen, lohnt sich der Film. Wer eine distanzierte Analyse erwartet, wird eher eine engagierte Werbung für ein gelungenes Modell finden.
Quellen
- filmportal.de: Alte Seegrasspinnerei – Ökologisches, soziales und kulturelles Zentrum
- Filmstarts: Filmdaten
- film-rezensionen.de: Kritik von Peter Gutting
- Laser Hotline: Pressespiegel zum Film
- Alte Seegrasspinnerei: Offizielle Website
- Deutsches Musikinformationszentrum: Alte Seegrasspinnerei
- Stuttgarter Zeitung, Juli 2023: Der Geschäftsführer kämpft um sein Lebenswerk
- Stuttgarter Zeitung, Januar 2026: Seegrasspinnerei-Areal soll verkauft werden
- Schwäbische Zeitung: Wolfram Hannemann und „Kultourhelden“








