Jud Süß – Film ohne Gewissen ist eine Filmbiografie aus dem Jahr 2010. Regie führte der deutsche Filmemacher Oskar Roehler. Der Film erzählt die Geschichte hinter der Entstehung des antisemitischen NS-Propagandafilms Jud Süß von 1940. Im Mittelpunkt steht der Schauspieler Ferdinand Marian, der damals die Hauptrolle in diesem Propagandawerk übernahm – und daran zerbrach. Die Hauptrollen sind mit Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnányi und Armin Rohde besetzt. Der Film wurde am 18. Februar 2010 bei den 60. Internationalen Filmfestspielen Berlin (Berlinale) uraufgeführt. Der reguläre Kinostart in Deutschland folgte am 23. September 2010, in Österreich einen Tag später. Es handelt sich um eine deutsch-österreichische Koproduktion mit einer Laufzeit von 114 Minuten und einer FSK-Freigabe ab 12 Jahren.
| Originaltitel | Jud Süß – Film ohne Gewissen |
| Produktionsland | Deutschland, Österreich |
| Erscheinungsjahr | 2010 |
| Länge | 114 Minuten |
| FSK | 12 |
| Regie | Oskar Roehler |
| Drehbuch | Klaus Richter, Oskar Roehler, Franz Novotny |
| Musik | Martin Todsharow |
| Kamera | Carl-Friedrich Koschnick |
Die Handlung
Ende der 1930er Jahre läuft die Karriere von Ferdinand Marian gut. Der österreichische Schauspieler wird von Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich angesprochen. Goebbels will ihn für die Titelrolle im geplanten Spielfilm Jud Süß gewinnen. Marian lehnt erst ab. Aber dann lockt ihn die Aussicht auf eine große Karriere. Er sagt zu.
Während der Dreharbeiten unter Regisseur Veit Harlan verändert sich Marian. Es kommt zum Streit mit seiner jüdischen Ehefrau Anna. Im September 1940 wird Jud Süß auf den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt. Kurz darauf startet der Film in den deutschen Kinos. Er erreicht ein Millionenpublikum. Marian wird ab sofort mit der Figur des Joseph Süß Oppenheimer identifiziert – dem bedrohlich wirkenden jüdischen Finanzbeamten aus dem Film.
Im weiteren Verlauf erkennt Marian, was die Nationalsozialisten wirklich sind. Viele seiner Kollegen müssen ins Exil fliehen. In seinem Gartenhaus versteckt er den jüdischen Schauspieler Wilhelm Adolf Deutscher, der sich als Gärtner tarnt. Doch die Hausangestellte Britta verrät ihn an ihren SS-Freund Lutz. Marian greift zum Alkohol. Er betrügt seine Frau mit der Tschechin Vlasta. Goebbels lässt daraufhin Anna deportieren, um Marian wieder unter Kontrolle zu bringen. Aber das macht alles nur schlimmer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg darf Marian nicht mehr als Schauspieler arbeiten. Sein Mitwirken an Jud Süß wird ihm angelastet. Gleichzeitig beobachtet er, wie andere Beteiligte – sogar Regisseur Veit Harlan – rehabilitiert werden. Der KZ-Überlebende Deutscher informiert Marian über den Tod seiner Frau Anna. Als er dann auch noch entdeckt, dass seine Geliebte Vlasta ihn mit einem US-Soldaten betrügt, bricht er zusammen. Er steigt in sein Auto und lenkt es gegen einen Baum. Selbstmord.
Wie der Film entstand – vom Drehbuch bis zur Klappe
Der Film hatte ursprünglich einen anderen Arbeitstitel: „Jud Süß! – Sympathie für den Teufel“. Das Drehbuch schrieb Klaus Richter. Es basiert auf der Biografie Ich war Jud Süß von Friedrich Knilli, einem Buch über den echten Ferdinand Marian. Die Entwicklung des Drehbuchs lag bei Michael W. Esser und der Agentur Dramaworks. Bereits Ende 2006 war das Skript fertig. Später wurde es von Oskar Roehler und Franz Novotny überarbeitet.
Ende 2008 wurde bekannt, dass Tobias Moretti, Martina Gedeck und Armin Rohde die Hauptrollen übernehmen. Moretti hatte schon 2005 im Fernsehdrama Speer und Er Adolf Hitler gespielt. Im Juli 2009 kam dann die Nachricht: Moritz Bleibtreu spielt Joseph Goebbels. Roehler musste sich bei dieser Besetzung gegen seine eigenen Produzenten durchsetzen. Über Bleibtreu sagte er: „Er ist ein brillanter Komiker, er hat eine unglaubliche Tragik, er ist ein perfekter Imitator. Schauen Sie ihn drei Minuten als Goebbels an – und Sie haben komplett vergessen, wer das da spielt.“
Ein besonderes Problem war der Originalfilm von 1940. Der darf in Deutschland nicht frei vertrieben werden. Öffentliche Vorführungen sind nur unter strengen Auflagen der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung erlaubt – und nur mit begleitendem Kommentar. Roehler ließ deshalb viele Szenen aus dem Original nachdrehen. Manche wurden sogar digital in das Original hineinkopiert. Zum Beispiel die Schlussszene: Tobias Moretti als Titelfigur im Drahtkäfig, der um sein Leben fleht.
Die Dreharbeiten liefen an verschiedenen Orten. In den MMC-Studios in Hürth-Efferen bei Köln. In München. In Venedig. Und ab dem 23. Juli 2009 in Wien, wo die alte Getreidebörse zum Berliner Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda umgebaut wurde. Insgesamt waren 40 Drehtage geplant. Gefördert wurde der Film unter anderem von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen, der FFA, dem FilmFernsehFonds Bayern und dem Österreichischen Filminstitut.
Die Schauspieler
Die Besetzung des Films war hochkarätig. Hier die wichtigsten Rollen:
| Schauspieler | Rolle |
|---|---|
| Tobias Moretti | Ferdinand Marian |
| Martina Gedeck | Anna Marian |
| Moritz Bleibtreu | Joseph Goebbels |
| Justus von Dohnányi | Veit Harlan |
| Armin Rohde | Heinrich George |
| Paula Kalenberg | Kristina Söderbaum |
| Milan Peschel | Werner Krauß |
| Ralf Bauer | Fritz Hippler |
| Heribert Sasse | Wilhelm Adolf Deutscher |
| Erika Marozsán | Vlasta |
| Gudrun Landgrebe | Frau Frowein |
| Robert Stadlober | Lutz |
| Lena Reichmuth | Magda Goebbels |
| Johannes Silberschneider | Hans Moser |
| Rolf Zacher | Erich Engel |
Besonders Tobias Moretti wurde für seine Darstellung des Ferdinand Marian gelobt. Und Moritz Bleibtreu sorgte als Goebbels für die meisten Diskussionen – sowohl Begeisterung als auch heftige Kritik.
Was stimmt und was nicht – der Film und die Geschichte
Der Film nimmt sich einige Freiheiten gegenüber den historischen Fakten. Das wurde viel kritisiert.
In der Realität war Ferdinand Marian mit der Schauspielerin Maria Byk verheiratet. Im Film heißt sie Anna Marian. Die echte Byk war keine „Halbjüdin“. Sie war in erster Ehe mit dem jüdischen Regisseur Julius Gellner verheiratet und hatte eine Tochter, die als „halbjüdisch“ galt. Aber Byk selbst hatte keine jüdischen Vorfahren. Und sie wurde nicht im Konzentrationslager ermordet, wie der Film es zeigt. Sie starb 1949 – also drei Jahre nach Ferdinand Marian. Bei dem Prozess gegen Veit Harlan 1948 sagte sie sogar zu dessen Gunsten aus.
Auch der Tod Marians ist im Film anders dargestellt. Im Film begeht er eindeutig Selbstmord, indem er sein Auto gegen einen Baum lenkt. In der Realität starb Marian tatsächlich in seinem zerschellten Wagen. Aber es ist unklar, ob es Selbstmord war. Es könnte auch ein Unfall gewesen sein – verursacht durch Alkohol oder andere Umstände.
Es gibt weitere Unstimmigkeiten:
- Veit Harlan erwähnt im Film, dass Feuchtwanger „den Roman geschrieben“ habe. Das war ihm zu dem Zeitpunkt aber gar nicht bekannt.
- Fritz Hippler wird im Film vorgestellt mit den Worten: „Er hat den Film Der ewige Jude gedreht.“ Der ewige Jude kam aber erst nach Jud Süß in die Kinos – nicht vorher.
- Die Figur des Wilhelm Adolf Deutscher ist fiktiv. Sie vereint verschiedene reale Personen und symbolisiert – auch durch die Kombination der Namensteile Wilhelm, Adolf und Deutscher – verschiedene Aspekte des „Deutschtums“. In der echten Othello-Aufführung 1939 am Deutschen Theater spielte Ewald Balser den Othello, nicht eine Figur namens Deutscher.
Buhrufe und Begeisterung – wie der Film ankam
Die Reaktionen auf den Film waren extrem gespalten. Bei der Berlinale-Premiere im Februar 2010 gab es in der Pressevorführung Buhrufe. Das war ungewöhnlich – kein anderer Wettbewerbsfilm wurde in dem Jahr ausgebuht.
Der Medienwissenschaftler Friedrich Knilli – auf dessen Buch das Drehbuch basiert – warf dem Film „Ungenauigkeiten und Fälschungen“ vor. Roehlers Reaktion in der 3sat-Sendung Kulturzeit war provokant: „Who the fuck is Knilli?“
Negative Stimmen kamen von vielen Seiten:
- Das ZDF-Kulturmagazin aspekte nannte den Film ein „unentschiedenes, überzeichnetes Melodram“. Die Goebbels-Darstellung durch Bleibtreu sei „eine Knallcharge“.
- Spiegel Online schrieb, der Film funktioniere „miserabel als Melodram eines Verführten“ und liefere „Verfälschungen an der Biographie Marians“.
- TV Spielfilm urteilte besonders hart: „Geschmacklos und ärgerlich: Roehlers Untergang“. Der Film sei „cineastisch und geschmacklich völlig missglückt“.
Aber es gab auch Lob:
- Die Stuttgarter Zeitung schrieb: „Tobias Moretti in der Rolle des Ferdinand Marian ist sensationell.“ Man verglich Roehler mit Rainer Werner Fassbinder.
- Die Münchner Abendzeitung lobte „saftiges, pralles, rückhaltlos unterhaltsames Kintopp“ mit einem „grandiosen Schauspieler-Team“.
- Die Leipziger Volkszeitung nannte den Film „den besten deutschen Film des Jahres“.
- Das Magazin Cinema sprach von einer „beklemmenden, brillant gespielten Studie über die Verführbarkeit des Einzelnen“.
Die Kritikerin Katja Nicodemus von der Zeit kommentierte die heftigen Reaktionen der deutschen Presse so: „Als Deutsche bin ich schockiert über die Reaktion der deutschen Presse auf diesen Film.“ Der Film traf offenbar einen empfindlichen Nerv in der deutschen Öffentlichkeit.
Preise und Nominierungen
Der Film lief im Wettbewerb der 60. Berlinale. Es war Roehlers dritte Teilnahme im Wettbewerb – nach 2003 und 2006 konkurrierte er erneut um den Goldenen Bären.
Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen im Juni 2010 erhielt Moritz Bleibtreu den Preis für Schauspielkunst.
Bei der erstmaligen Verleihung des Österreichischen Filmpreises 2011 gab es Nominierungen in mehreren Kategorien:
- Bester männlicher Darsteller (Moritz Bleibtreu und Tobias Moretti)
- Beste Maske
- Bestes Szenenbild
Beim Deutschen Filmpreis 2011 waren Kostüme und Maske nominiert.
Kameramann Carl-Friedrich Koschnick erhielt 2011 eine Romy für seine Arbeit an dem Film.
Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab das Prädikat „besonders wertvoll“.
Ferdinand Marian – der echte Mensch hinter der Filmfigur
Ferdinand Marian (1902–1946) war ein österreichischer Schauspieler, der in den 1930er und 1940er Jahren in Deutschland arbeitete. Er wurde von Goebbels unter Druck gesetzt, die Titelrolle in dem Propagandafilm Jud Süß (1940) zu übernehmen. Der Film von Regisseur Veit Harlan erreichte über 20 Millionen Zuschauer in Europa und wurde gezielt eingesetzt, um antisemitische Stimmung zu verstärken. SS-Soldaten, die später an Massenerschießungen von Juden beteiligt waren, mussten den Film vor ihrem Einsatz ansehen.
Nach dem Krieg erhielt Marian ein Berufsverbot. Er starb am 9. August 1946 bei einem Autounfall in der Nähe von Freising. Die genauen Umstände seines Todes blieben ungeklärt. Es ist bis heute unklar, ob er absichtlich gegen einen Baum fuhr.
Roehlers Absicht – warum dieser Film gedreht wurde
Regisseur Oskar Roehler sagte über sein Ziel: Er wollte zeigen, wie verführbar Künstler im Dritten Reich waren. Es ging ihm nicht um eine Dokumentation. Er drehte einen Spielfilm – mit bewusster Zuspitzung und Verfremdung. Der Film soll das Innenleben der NS-Oberschicht zeigen. Keine marschierenden Soldaten. Stattdessen Partys, Machtspiele, sexuelle Ausschweifungen und die Mechanismen der Propaganda.
Roehler sah sich in der Tradition von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder (Lili Marleen) oder István Szabó (Mephisto). Filme, die sich mit der Verstrickung von Künstlern in totalitäre Systeme beschäftigen. Ob ihm das gelungen ist, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander.







