Jud Süß – Film ohne Gewissen ist ein biografisches Drama von Oskar Roehler aus dem Jahr 2010. Es rekonstruiert, wie 1940 der antisemitische Propagandafilm „Jud Süß“ entstand, und stellt den Wiener Schauspieler Ferdinand Marian in den Mittelpunkt, der die Titelrolle spielte und mit ihr bis zu seinem Tod verbunden blieb. Tobias Moretti verkörpert Marian, an seiner Seite stehen Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnányi und Armin Rohde. Die deutsch-österreichische Koproduktion feierte am 18. Februar 2010 im Wettbewerb der 60. Berlinale Premiere und kam am 23. September 2010 in die deutschen Kinos.
| Originaltitel | Jud Süß – Film ohne Gewissen |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland, Österreich |
| Jahr | 2010 |
| Regie | Oskar Roehler |
| Drehbuch | Klaus Richter; Mitarbeit: Oskar Roehler, Franz Novotny |
| Darsteller | Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnányi, Armin Rohde, Paula Kalenberg, Robert Stadlober |
| Laufzeit | 120 Minuten |
| FSK | ab 12 Jahren |
| Kinostart Deutschland | 23. September 2010 |
| Genre | Filmbiografie, Drama |
| Bewertungen | IMDb 6,1/10 (Stand: Oktober 2026) |
Worum es geht: Marian zwischen Karriere und Gewissen
Ende der 1930er Jahre ist Ferdinand Marian ein gefragter Filmstar, vor allem beim weiblichen Publikum. Da tritt Propagandaminister Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) an ihn heran: Er soll in einem neuen Film den Juden Süß Oppenheimer spielen. Marian zögert und sagt zunächst ab, doch der Karriereschub, den die Rolle verspricht, lässt ihn schließlich einlenken.
Die Arbeit unter Regisseur Veit Harlan (Justus von Dohnányi) verändert ihn. Zu Hause wachsen die Spannungen mit seiner Frau Anna (Martina Gedeck), die im Film jüdische Wurzeln hat. Im September 1940 läuft „Jud Süß“ in Venedig an und erreicht danach Millionen Zuschauer; das Publikum sieht in Marian nun vor allem den finsteren Finanzrat aus Württemberg.
Allmählich begreift Marian, wohin das Regime steuert. Einen jüdischen Freund, den Schauspieler Wilhelm Adolf Deutscher, versteckt er als Gärtner auf seinem Grundstück, bis das Dienstmädchen das Versteck an einen SS-Mann verrät. Marian beginnt zu trinken und geht eine Affäre ein. Um ihn wieder gefügig zu machen, lässt Goebbels Anna deportieren. Nach Kriegsende bekommt Marian keine Rollen mehr, während andere Beteiligte, sogar Harlan, wieder Fuß fassen. Spoiler: Der Film endet mit Marians Tod am Steuer seines Wagens, den er als bewusste Tat inszeniert.
Entstehung: Knillis Biografie und nachgestellte Originalszenen
Das erste Drehbuch schrieb Klaus Richter nach der Marian-Biografie „Ich war Jud Süß“ des Medienwissenschaftlers Friedrich Knilli; entwickelt wurde der Stoff zunächst unter dem Arbeitstitel „Jud Süß! – Sympathie für den Teufel“. Oskar Roehler und Franz Novotny arbeiteten das Buch danach um. Moretti, der 2005 im Dokudrama „Speer und Er“ bereits Hitler gespielt hatte, übernahm die Hauptrolle; die Besetzung von Bleibtreu als Goebbels setzte Roehler nach eigener Darstellung gegen Bedenken der Produzenten durch.
Eine besondere Hürde war das Original von 1940. Als Vorbehaltsfilm der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung ist es in Deutschland nicht frei erhältlich und darf nur mit Zustimmung der Stiftung und unter Auflagen gezeigt werden. Roehler stellte deshalb etliche Szenen nach und ließ einige digital in Originalaufnahmen einfügen, etwa das Ende, in dem Moretti als Oppenheimer im Käfig um Gnade bettelt.
Laut filmportal.de wurde vom 30. Juni bis 22. August 2009 gedreht, unter anderem in Köln, München, Wien, Niederösterreich und Venedig. Produziert haben Novotny & Novotny (Wien), Clasart und Tele München. Die Kamera führte Carl-Friedrich Koschnick, den Schnitt besorgte Bettina Böhler.
Der historische Hintergrund: Harlans Hetzfilm und Marians Rolle
Ferdinand Marian, eigentlich Ferdinand Haschkowetz, wurde am 14. August 1902 in Wien geboren. Nach Bühnenstationen unter anderem in Aachen, Hamburg und München kam er 1938 ans Deutsche Theater in Berlin. Im Kino wurde er mit La Habanera (1937) zum Publikumsliebling. Goebbels notierte im Januar 1940 in seinem Tagebuch, Marian wolle die Rolle nicht spielen und müsse mit etwas Druck überzeugt werden.
Veit Harlans Jud Süß wurde am 5. September 1940 in Venedig uraufgeführt und erreichte bis 1943 rund 20 Millionen Zuschauer. Der Film verzerrte das Schicksal des 1738 hingerichteten württembergischen Finanzrats Joseph Süß Oppenheimer zu einer antisemitischen Hetzgeschichte. Auf Anordnung Heinrich Himmlers wurde er SS-Einheiten und Wachmannschaften vorgeführt, also Menschen, die an Verfolgung und Mord unmittelbar beteiligt waren. Nach dem Krieg belegten die Alliierten Marian mit einem Berufsverbot. Er starb am 9. August 1946 bei Freising, als sein Wagen gegen einen Baum prallte.
Wie historisch genau ist der Film?
Roehler nimmt sich erhebliche Freiheiten, und genau daran entzündete sich ein großer Teil der Kritik. Die wichtigste betrifft Marians Ehefrau. Verheiratet war er mit der Schauspielerin Maria Byk, im Film heißt sie Anna. Byk hatte keine jüdischen Vorfahren. Jüdisch war ihr erster Ehemann, der Regisseur Julius Gellner, weshalb die gemeinsame Tochter nach den NS-Rassegesetzen als „Halbjüdin“ galt und emigrieren musste. Byk wurde nicht deportiert: Sie überlebte den Krieg, sagte 1948 im Prozess gegen Veit Harlan zu dessen Entlastung aus und starb 1949.
Auch Marians Ende erzählt der Film eindeutiger, als es war. Vermutlich fuhr er betrunken gegen den Baum; ob es ein Unfall oder Suizid war, ist nicht geklärt. Gegen einen Suizid spricht, dass zwei Mitfahrer im Auto saßen.
Hinzu kommen kleinere Ungenauigkeiten:
- Harlan verweist im Film auf Lion Feuchtwangers Roman als Vorlage, kannte das Buch damals aber nach eigener Aussage nicht.
- Fritz Hippler wird während der Dreharbeiten als Regisseur von Der ewige Jude vorgestellt, obwohl dieser Hetzfilm erst nach Jud Süß ins Kino kam.
- Wilhelm Adolf Deutscher ist erfunden. Marian spielte 1939 am Deutschen Theater zwar den Jago, den Othello gab aber Ewald Balser.
Buhrufe und Lob: Wie die Kritik den Film aufnahm
Kaum ein deutscher Film des Jahres 2010 wurde so kontrovers besprochen. Schon bei der Pressevorführung auf der Berlinale waren Buhrufe zu hören. Friedrich Knilli warf dem Film Ungenauigkeiten und Verfälschungen vor, die Legenden über Marian verfestigten; Roehler reagierte in der 3sat-Sendung „Kulturzeit“ mit einer abfälligen Bemerkung über ihn.
- Das ZDF-Magazin aspekte sah ein unentschlossenes, überzeichnetes Melodram und hielt Bleibtreus Goebbels für eine Karikatur.
- Spiegel Online befand, der Film scheitere als Geschichte eines Verführten und setze auf Kolportage statt auf historische Analyse.
- TV Spielfilm nannte ihn geschmacklos und ärgerlich.
- Die Stuttgarter Zeitung feierte dagegen Morettis Leistung und sah Roehler in der Nachfolge Rainer Werner Fassbinders.
- Die Münchner Abendzeitung lobte das bewusst unterhaltsame Kino und das Ensemble, die Leipziger Volkszeitung hielt ihn für den besten deutschen Film des Jahres.
Die Deutsche Film- und Medienbewertung (FBW) vergab nach langer Debatte das Prädikat „besonders wertvoll“ und hielt ausdrücklich fest, dass der Film polarisiere. Beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen erhielt Moritz Bleibtreu 2010 den Preis für Schauspielkunst. Beim ersten Österreichischen Filmpreis 2011 waren Moretti und Bleibtreu als beste Darsteller nominiert, dazu Maske und Szenenbild; beim Deutschen Filmpreis 2011 standen Kostümbild und Maske auf der Liste. Kameramann Carl-Friedrich Koschnick gewann 2011 eine Romy.
Unsere Einschätzung: starkes Thema, riskante Zuspitzung
Roehler wollte nach eigenen Worten Kunst machen und keine Geschichtsstunde. Ihn interessiert, wie sich ein eitler, unpolitischer Künstler von Ruhm und Macht einspannen lässt, und er zeigt dafür Salons, Feste und Intrigen der NS-Prominenz statt Front und Aufmärschen. Darin liegt die Stärke des Films: Moretti spielt Marians Mischung aus Ehrgeiz, Selbstbetrug und spätem Entsetzen überzeugend, und die Frage nach der Verantwortung von Künstlern in der Diktatur bleibt brisant.
Die Schwäche ist der Umgang mit den Fakten. Indem Roehler die Ehefrau zur Verfolgten und Marians Tod zum eindeutigen Suizid macht, rückt er seine Hauptfigur näher an eine Opferrolle, als die Quellen hergeben. Das schwächt gerade die Frage nach Mitverantwortung, die der Film stellen will. Wer ihn sieht, sollte ihn deshalb als zugespitztes Melodram verstehen und die historischen Abweichungen kennen. Ernsthafter und leiser erzählt Christian Petzolds Phoenix (2014) vom Weiterleben nach der NS-Zeit.
Quellen
- filmportal.de: Jud Süß – Film ohne Gewissen (Credits, FSK, Drehdaten)
- Wikipedia: Jud Süß – Film ohne Gewissen (Entstehung, Rezeption, Abweichungen)
- FBW: Jurybegründung zum Prädikat „besonders wertvoll“
- Wikipedia: Ferdinand Marian (Biografie)
- Wikipedia: Jud Süß (1940), Veit Harlans Propagandafilm
- Deutsche Biographie: Joseph Süß Oppenheimer








