Sibel (2018): Eine stumme Frau pfeift gegen die Dorfordnung an

Sibel (2018): Eine stumme Frau pfeift gegen die Dorfordnung an

Sibel ist ein türkischsprachiges Drama aus dem Jahr 2018, entstanden als Koproduktion von Frankreich, Deutschland, Luxemburg und der Türkei. Inszeniert hat es das französisch-türkische Regieduo Çağla Zencirci und Guillaume Giovanetti, die Titelrolle spielt Damla Sönmez. Erzählt wird von einer jungen Frau, die seit ihrer Kindheit nicht sprechen kann und sich in einem abgelegenen Dorf in den Bergen über der türkischen Schwarzmeerküste in einer alten Pfeifsprache verständigt. Der Film lief im August 2018 im Internationalen Wettbewerb des Filmfestivals Locarno und gewann dort gleich drei Nebenpreise. In die deutschen Kinos kam er am 27. Dezember 2018 im Verleih von Arsenal.

OriginaltitelSibel
ProduktionslandFrankreich, Deutschland, Luxemburg, Türkei
Jahr2018
RegieÇağla Zencirci, Guillaume Giovanetti
DrehbuchÇağla Zencirci, Guillaume Giovanetti, Ramata Sy
DarstellerDamla Sönmez, Emin Gürsoy, Erkan Kolçak Köstendil, Elit İşcan, Meral Çetinkaya
Laufzeit95 Minuten
FSKab 12 Jahren
Kinostart Deutschland27. Dezember 2018
GenreDrama
BewertungenIMDb 6,8/10 · Rotten Tomatoes 75 % · Metacritic 65/100 (Stand: Oktober 2026)
Trailer (YouTube-Kanal: epd Film)

Eine Außenseiterin mit Gewehr und Pfiff

Sibel ist 25 und lebt mit ihrem Vater Emin und ihrer jüngeren Schwester Fatma in einem Bergdorf, in dem jeder jeden beobachtet. Der Vater führt den Dorfladen und hat im Ort Gewicht. Er lässt seine ältere Tochter ohne Kopftuch herumlaufen und hat ihr ein Gewehr überlassen, behandelt sie gegenüber Behörden aber zugleich als Pflegefall. Mit ihm und einigen anderen spricht Sibel in Pfiffen, die über die steilen Hänge hinweg verstanden werden. Für viele Frauen im Dorf gilt sie dennoch als Unglücksbringerin, und Fatmas Heiratsaussichten leiden unter dem Ruf der Schwester.

Sibel antwortet darauf mit einer fixen Idee: Im Wald soll seit Generationen ein Wolf umgehen, den die Dorfbewohnerinnen fürchten. Wenn sie ihn erlegt, so ihre Hoffnung, wird man sie endlich anerkennen. Auf ihren Streifzügen stößt sie stattdessen auf Ali, einen verletzten Flüchtigen, den Polizei und Fernsehen als Terroristen darstellen, und der sich als Deserteur entpuppt. Er ist der erste Mensch, der sie nicht als Behinderte oder Störenfried betrachtet. Die heimliche Nähe zu ihm verändert Sibels Blick auf sich selbst und bringt zugleich die ganze Familie in Gefahr. Eine wichtige Nebenfigur ist Narin, eine ältere Frau, die abseits des Dorfes lebt, weil sie einst gegen eine arrangierte Verbindung aufbegehrte.

Kuşköy und die Pfeifsprache der Schwarzmeerberge

Gedreht wurde vom 11. September bis 11. Oktober 2017 in Kuşköy, einem Dorf im Nordosten der Türkei, dessen Name sich in etwa mit Vogeldorf übersetzen lässt. Dort und in umliegenden Orten der Region hat sich eine Pfeifsprache erhalten, mit der Bauern über Täler hinweg ganze Sätze austauschen. Die UNESCO hat diese Praxis 2017 in ihre Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen, das dringend erhalten werden muss. Als Gefährdung nennt sie unter anderem das Mobiltelefon und das schwindende Interesse der Jüngeren.

Die Idee zur Figur geht auf eine Frau aus dem Dorf zurück, die sich tatsächlich pfeifend verständigt. Für Zencirci und Giovanetti, die seit 2004 gemeinsam Filme machen, war es nach Noor (2012, gezeigt im Programm der ACID in Cannes) und Ningen (2013, Toronto) der dritte Langfilm und die erste Arbeit mit einer professionellen Schauspielerin. Damla Sönmez lernte die Pfeifsprache nach Angaben des Fachportals Méditerranée Audiovisuelle über sechs Monate hinweg. Weil ihre Figur kein Wort sagt, trägt sie die Rolle fast ausschließlich über Körper, Blicke und Tempo.

Kameramann Eric Devin filmte im Breitwandformat 2,39:1 und bleibt meist dicht an der Hauptfigur. Die bewaldeten Steilhänge und regennassen Wälder wirken dadurch weniger wie Postkartenmotive als wie ein Raum, in dem man sich verstecken, aber auch verlieren kann. Die Musik stammt von Bassel Hallak und Pi. Auf deutscher Seite war die Hamburger Riva Filmproduktion beteiligt, gefördert unter anderem von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein und der Filmförderungsanstalt.

Preise in Locarno und Stimmen der Kritik

In Locarno erhielt Sibel 2018 den Preis der Ökumenischen Jury, den Preis der Jugendjury und den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik. Beim Filmfest Hamburg im selben Herbst bekam die Koproduktion den Hamburger Produzentenpreis für europäische Kinokoproduktionen, beim Festival Cinemed in Montpellier den Publikums- und den Kritikerpreis. Auf dem Festival von Adana wurde der Film im nationalen Wettbewerb als bester Film ausgezeichnet, Damla Sönmez als beste Darstellerin. Die Europäische Filmakademie nahm ihn 2019 in ihre Spielfilmauswahl auf.

Claudia Lenssen sah den Film im epd Film als packendes Emanzipationsdrama, das vertraute Genremuster aufgreift, ohne in Kitsch abzurutschen. Sie hob hervor, dass im Dorf vor allem die Mütter über den Gehorsam der Töchter wachen, während die Väter kaum präsent sind. Jordan Mintzer nannte den Film im Hollywood Reporter eine feministische Fabel mit Bodenhaftung und verglich die nahe, bewegliche Kamera mit der Arbeitsweise der Brüder Dardenne. Leonardo Goi zog in The Film Stage den Vergleich zu Deniz Gamze Ergüvens Mustang und lobte, dass der Film das patriarchale System auch als Last für Männer zeigt, sichtbar an Emin.

Märchenmotive, die in der Gegenwart ankommen

Die größte Stärke von Sibel ist die Verbindung von Ethnografie und Fabel. Die Pfeifsprache ist kein exotischer Effekt, sondern das erzählerische Zentrum: Sie gibt einer Frau eine Stimme, der das Dorf das Sprechen ohnehin nicht zugestehen würde, und sie markiert eine Kultur, die selbst vom Verstummen bedroht ist. Die rote Kleidung der Heldin, der Wolf, den man nie zu Gesicht bekommt, die Alte am Waldrand: Die Anleihen bei Rotkäppchen sind deutlich, werden aber nicht ausbuchstabiert.

Schwächer ist der Film dort, wo die Gegenwartspolitik hineinragt. Die Figur des Deserteurs und die Terrorhysterie, die das Fernsehen ins Dorf trägt, bleiben eher Behauptung als genau beobachtete Wirklichkeit, und der dramatische Schlussteil folgt bekannteren Mustern als der eigenwillige Anfang. Getragen wird das Ganze von Damla Sönmez, deren Präsenz auch Momente glaubhaft macht, die auf dem Papier konstruiert wirken. Wer Filme wie Mustang mochte oder sich für Frauenfiguren in ländlich-patriarchalen Gesellschaften interessiert, wie sie auch May, die dritte Frau zeigt, findet hier einen herben, landschaftlich eindrucksvollen und letztlich hoffnungsvollen Film.

Quellen