A.C.A.B. – All Cops Are Bastards ist ein italienisch-französisches Polizeidrama aus dem Jahr 2012 und der erste Kinofilm von Stefano Sollima. Er folgt einer Einheit der römischen Bereitschaftspolizei, deren Männer im Einsatz gegen Ultras, Demonstranten und Hausbesetzer selbst immer weiter verrohen. Pierfrancesco Favino, Filippo Nigro und Marco Giallini spielen drei Veteranen, Domenico Diele einen jungen Neuzugang. Vorlage war das gleichnamige Buch des Journalisten Carlo Bonini. In Italien kam der Film Ende Januar 2012 in die Kinos und löste Debatten aus. Favino und Giallini erhielten dafür jeweils einen Nastro d’Argento, beim Filmfestival Moskau ging der Preis der internationalen Filmkritik an den Film. In Deutschland erschien er im Oktober 2012 bei Universal Pictures auf DVD und Blu-ray.
| Originaltitel | ACAB – All Cops Are Bastards |
|---|---|
| Produktionsland | Italien, Frankreich |
| Jahr | 2012 |
| Regie | Stefano Sollima |
| Drehbuch | Barbara Petronio, Daniele Cesarano, Leonardo Valenti, nach dem Buch von Carlo Bonini |
| Darsteller | Pierfrancesco Favino, Filippo Nigro, Marco Giallini, Domenico Diele, Andrea Sartoretti, Roberta Spagnuolo |
| Kamera | Paolo Carnera |
| Musik | Mokadelic |
| Laufzeit | 112 Minuten |
| FSK | ab 16 Jahren |
| Veröffentlichung Deutschland | 11. Oktober 2012 (DVD und Blu-ray) |
| Genre | Polizeidrama |
| Bewertungen | IMDb 6,6/10 (Stand: Oktober 2026) |
Cobra, Negro, Mazinga: Eine Einheit im Dauereinsatz
Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Celerini, die Bereitschaftspolizisten, die in Rom bei Fußballspielen, Demonstrationen und Zwangsräumungen den Kopf hinhalten. Die drei erfahrenen Beamten mit den Spitznamen Cobra, Negro und Mazinga sind seit Jahren ein eingeschworenes Team. Untereinander gilt Loyalität mehr als jede Dienstvorschrift. Wer zur Gruppe gehört, wird gedeckt, wer sie verrät, wird zum Feind.
In diese Welt kommt Adriano, ein junger Rekrut, den die Älteren unter ihre Fittiche nehmen. Er lernt schnell, dass die Gewalt der Straße mit Gewalt beantwortet wird, und dass vieles davon in keinem Bericht auftaucht. Parallel zerfällt das Privatleben der Veteranen: Familien brechen auseinander, und Mazinga muss erleben, wie sein eigener Sohn in die rechtsextreme Ultra-Szene abrutscht, gegen die er im Dienst antritt. Der Film verknüpft seine fiktive Handlung mit realen Ereignissen aus dem Jahr 2007, darunter dem Tod des Polizisten Filippo Raciti bei Krawallen in Catania und dem Tod des Lazio-Fans Gabriele Sandri, der von einem Polizisten erschossen wurde. Wie weit Adriano den Kodex seiner Kollegen mitträgt, wird zur entscheidenden Frage der zweiten Hälfte.
Carlo Bonini und die Vorlage aus der Recherche
Carlo Bonini, Investigativjournalist der Tageszeitung La Repubblica, veröffentlichte sein Buch 2009 bei Einaudi. Es ist ein dokumentarischer Roman, für den er monatelang mit Polizisten und Ultras sprach und Dokumente auswertete. Er verbindet mehrere Gewaltausbrüche der Jahre zuvor: die Polizeigewalt beim G8-Gipfel in Genua 2001, die Nacht der Ausschreitungen in Rom nach Sandris Tod und Zusammenstöße in Neapel Anfang 2008. Auf Deutsch erschien das Buch erst 2018 im Folio Verlag.
Bonini selbst sagte 2018 im Gespräch mit der Wochenzeitung der Freitag, der Film treffe den Geist seines Buches, vereinfache es aber. Er warnte zugleich vor der Gefahr, dass die Darstellung von Gewalt in deren Verherrlichung umschlagen könne. Genau an diesem Punkt setzte auch ein Teil der Kritik an.
Vom Kriegsreporter zum Regisseur: Sollimas Handschrift
Stefano Sollima, 1966 in Rom geboren und Sohn des Regisseurs Sergio Sollima, begann als Kameramann und filmte für Sender wie CNN, CBS und NBC in Kriegs- und Krisengebieten. Bekannt wurde er mit der Fernsehserie „Romanzo criminale“ (2008 bis 2010) über eine römische Verbrecherbande. „A.C.A.B.“ war sein Kinodebüt und zugleich der Auftakt einer losen Rom-Trilogie, die er mit „Suburra“ (2015) und „Adagio“ (2023) fortsetzte. Dazwischen inszenierte er die Serie „Gomorrha“ und drehte in Hollywood „Sicario 2“ (2018) und „Tom Clancy’s Gnadenlos“ (2021).
Die Erfahrung als Reportagekameramann prägt den Stil. Kameramann Paolo Carnera arbeitet viel mit Handkamera und bleibt dicht an den Körpern, die Einsätze wirken wie mitten im Getümmel gefilmt. Die italienische Post-Rock-Band Mokadelic lieferte die Filmmusik, ergänzt durch Rocksongs unter anderem von The White Stripes, Pixies, The Clash und Joy Division. Für Kamera, Schnitt, Ton, Maske, Regie und Giallinis Nebenrolle gab es Nominierungen für den David di Donatello, gewonnen wurde keiner der Preise.
Zwischen Politfilm und Gewaltverklärung: Die Kritiken
Beim 34. Internationalen Filmfestival Moskau lief der Film im Juni 2012 im Wettbewerb und erhielt dort den FIPRESCI-Preis. Die Jury würdigte, wie objektiv er aktuelle Probleme behandle. Der ungarische Kritiker György Kárpáti schrieb für die FIPRESCI, Sollima verzichte auf ein Urteil und überlasse die Deutung dem Publikum. Die Hauptfiguren seien schwer zu mögen, weil sie zugleich Gegenspieler seien, und die geschilderten Probleme reichten über Italien hinaus.
Variety lobte den rasanten Rhythmus und die Action, störte sich aber an dem, was der Rezensent als Rechtfertigung von Sadismus las. Der Film erkläre Polizeibrutalität, statt sie zu kritisieren, und das vor dem Hintergrund der Debatte um Genua 2001. Positiver fiel das Urteil bei Filmstarts aus: Robert Cherkowski vergab 4 von 5 Sternen und zählte den Film zu den besten Politfilmen des Jahres 2012. In Italien sahen ihn laut der Datenbank Lumiere der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle gut 450.000 Menschen im Kino.
Warum der Film unbequem bleibt
Die Stärke von „A.C.A.B.“ ist zugleich sein Risiko. Sollima zeigt die Polizisten aus nächster Nähe, ohne sie zu Helden oder Monstern zu machen. Er nimmt ihre Erschöpfung ernst, ihre Verachtung für eine Politik, die sie verheizt, und ihren Zusammenhalt. Gerade deshalb fällt es schwer, die Distanz zu halten, wenn Cobra und seine Kollegen selbst zuschlagen. Wer einen Film mit klarer Haltung erwartet, wird enttäuscht. Wer bereit ist, eine Innensicht auszuhalten, die einem nicht sagt, was man denken soll, bekommt ein dichtes, physisches Ensemblekino mit herausragenden Darstellern.
Schwächer ist der Film dort, wo er Privates erzählt. Die familiären Krisen der Figuren wirken neben der Wucht der Einsätze oft wie Pflichtstationen. Auch der Einsatz bekannter Rocksongs verleiht der Gewalt mitunter einen Schwung, der die Frage nach Verklärung eher verschärft als entkräftet. Für alle, die „Romanzo criminale“, „Gomorrha“ oder „Suburra“ kennen, ist „A.C.A.B.“ dennoch Pflicht: Hier hat Sollima den Ton gefunden, der seine späteren Arbeiten prägt. Im Januar 2025 griff Netflix den Stoff mit der sechsteiligen Serie „ACAB“ wieder auf, mit Sollima als ausführendem Produzenten und Marco Giallini erneut als Mazinga.
Quellen
- Wikipedia (englisch): ACAB – All Cops Are Bastards
- Wikipedia (italienisch): ACAB – All Cops Are Bastards
- Filmstarts: Kritik von Robert Cherkowski
- kino.de: A.C.A.B. – All Cops Are Bastards
- Variety: ACAB – All Cops Are Bastards (Kritik)
- FIPRESCI: Kritik von György Kárpáti
- FIPRESCI: 34. Moscow International Film Festival
- Chinokino: Nastri d’Argento 2012
- Lumiere-Datenbank: Besucherzahlen
- der Freitag: Interview mit Carlo Bonini (2018)
- Consulenze Editoriali: ACAB von Carlo Bonini
- LaPresse: ACAB – La serie auf Netflix
- Wikipedia (englisch): Stefano Sollima








