Die Schneiderin der Träume, im Original schlicht „Sir“, ist das Spielfilmdebüt der indischen Regisseurin und Autorin Rohena Gera. Das indisch-französische Drama erzählt von Ratna, einer jungen Witwe vom Land, die in Mumbai als Hausangestellte für den wohlhabenden Ashwin arbeitet und davon träumt, Modedesignerin zu werden. Tillotama Shome und Vivek Gomber spielen die Hauptrollen. Der Film feierte im Mai 2018 bei der Semaine de la Critique in Cannes Premiere und gewann dort den Preis der Fondation Gan für den Vertrieb. In Deutschland brachte ihn Neue Visionen am 20. Dezember 2018 in die Kinos. Interessant ist er vor allem, weil er eine Liebesgeschichte nutzt, um über ein Thema zu sprechen, das im indischen Kino selten so direkt verhandelt wird: die unsichtbare Grenze zwischen Herrschaft und Personal.
| Originaltitel | Sir |
|---|---|
| Produktionsland | Indien, Frankreich |
| Jahr | 2018 |
| Regie | Rohena Gera |
| Drehbuch | Rohena Gera |
| Darsteller | Tillotama Shome, Vivek Gomber, Geetanjali Kulkarni, Rahul Vohra, Divya Seth Shah, Dilnaz Irani, Anupriya Goenka, Rashi Mal |
| Laufzeit | 99 Minuten |
| FSK | ohne Altersbeschränkung |
| Kinostart Deutschland | 20. Dezember 2018 |
| Genre | Drama, Liebesfilm |
| Bewertungen | IMDb 7,7/10 · Rotten Tomatoes 86 % (Stand: Oktober 2026) |
Ratna und Ashwin: Zwei Leben in einer Wohnung
Ashwin stammt aus einer reichen Bauunternehmerfamilie. Er hat einige Jahre in New York gelebt und wollte eigentlich schreiben, ist aber nach Mumbai zurückgekehrt, um im Familienbetrieb mitzuarbeiten. Kurz vor der Hochzeit mit seiner Verlobten Sabina sagt er die Trauung ab, weil er von ihrer Affäre erfahren hat und merkt, dass er sie nicht liebt. Statt als Ehemann lebt er nun allein in einer eleganten, großzügigen Stadtwohnung.
Dort lebt auch Ratna, nur durch eine Wand von ihm getrennt. Sie kocht, putzt und unterstützt mit ihrem Lohn ihre Familie im Dorf. Mit 19 Jahren wurde sie Witwe, nur wenige Monate nach der Hochzeit, und galt damit in ihrem Dorf kaum noch etwas. In der Stadt hält sie an einem eigenen Plan fest: Sie will nähen lernen und Kleider entwerfen. Sie bittet Ashwin um Erlaubnis, nach getaner Hausarbeit bei einem Schneider auszuhelfen, und versucht Schritt für Schritt, sich ein eigenes Handwerk aufzubauen.
Aus Höflichkeit wird zwischen den beiden allmählich Vertrautheit. Ashwin interessiert sich für Ratnas Ambitionen, sie spürt seine Niedergeschlagenheit und spricht ihm Mut zu. Je näher sie sich kommen, desto deutlicher wird, wie viel auf dem Spiel steht, vor allem für Ratna: Ihr Ruf, ihre Stelle und ihre Unabhängigkeit hängen davon ab, dass die Grenze gewahrt bleibt. Wie der Film diese Spannung auflöst, sei hier nicht verraten.
Rohena Geras Weg vom Dokumentarfilm zum Spielfilm
Rohena Gera, geboren 1973, studierte in den USA an der Stanford University und am Sarah Lawrence College. Sie schrieb zunächst für das indische Fernsehen, unter anderem für die erste Staffel der Serie „Jassi Jaissi Koi Nahin“. 2013 legte sie den Dokumentarfilm „What's Love Got to Do with It?“ vor, der acht Menschen auf dem Weg in eine arrangierte Ehe begleitet und dabei Klasse, Kaste und Geschlecht in den Blick nimmt. Sir greift diese Themen auf und verlegt sie in eine fiktionale Erzählung.
Produziert wurde der Film von Gera gemeinsam mit Brice Poisson, als Koproduktion zwischen Indien und Frankreich. Gedreht wurde auf Hindi, Englisch und Marathi. Hinter der Kamera stand der Franzose Dominique Colin, geschnitten haben Jacques Comets und Baptiste Ribrault. In der Kritik von Variety wurden vor allem Colins ruhige Kamerafahrten durch die Räume der Wohnung hervorgehoben, in denen die beiden Hauptfiguren getrennt und doch verbunden wirken, sowie ein Szenenbild, das die Wohnung mit Trennwänden und engen Durchgängen als vergoldeten Käfig der Oberschicht zeigt.
Tillotama Shome war international bereits seit Mira Nairs „Monsoon Wedding“ bekannt. Mit der Rolle der Ratna erhielt sie später den indischen Filmfare Award als beste Hauptdarstellerin in der Kritikerkategorie.
Von Cannes über Cabourg bis zu den Filmfare Awards
Nach der Premiere in der Semaine de la Critique lief der Film unter anderem in Zürich, Warschau und Rio de Janeiro. Beim Festival du film de Cabourg, das sich romantischen Filmen widmet, gewann er 2018 den Publikumspreis. In Frankreich startete er unter dem Titel „Monsieur“ Ende Dezember 2018 im Verleih von Diaphana. In Indien kam er erst am 13. November 2020 in die Kinos. Bei den Filmfare Awards 2021 wurde das Drehbuch ausgezeichnet, zusätzlich zum Preis für Tillotama Shome.
Die Kritiken fielen überwiegend positiv aus. Variety verglich den Film mit Tran Anh Hungs „Der Duft der grünen Papaya“, rechnete Gera aber an, ihre Heldin nicht als stilles Opfer zu idealisieren, sondern ihr Streben nach Selbstständigkeit ins Zentrum zu stellen. Zugleich fand der Kritiker Ashwin fast zu gut, um wahr zu sein. Jordan Mintzer vom Hollywood Reporter lobte einen warmherzigen, nuancierten Blick auf die Liebe, merkte aber an, dass der Film stellenweise eher nach Fernsehen aussehe. In Deutschland würdigte Birgit Schrumpf bei KinoCritics die leise Erzählweise und Shomes Spiel.
Was Sir stark macht und wo der Film zu glatt bleibt
Die größte Stärke ist Tillotama Shome. Sie spielt Ratna nicht als Aschenputtel, das auf Rettung wartet, sondern als Frau mit eigenem Kopf, die genau weiß, was eine Grenzüberschreitung kosten würde. Viele der besten Momente spielen sich in Blicken, Gesten und Pausen ab, in den kleinen Ritualen des Bedienens und Bedientwerdens. Der Film zeigt diese Routinen so selbstverständlich, dass ihr Gewicht erst nach und nach spürbar wird.
Schwächer ist die Figur des Ashwin. Er ist sensibel, höflich und frei von Standesdünkel, was die Geschichte bequemer macht, als sie sein müsste. Den Druck seines Milieus verkörpern vor allem die Eltern, die ihn zur Heirat drängen, und die Erwartungen seiner Umgebung. Dadurch wirkt die Kritik an den Klassenverhältnissen bisweilen etwas zu sauber verteilt.
Trotzdem ist Die Schneiderin der Träume ein sehenswerter, sorgfältig gemachter Film für ein Publikum, das leise Liebesdramen und soziale Beobachtung schätzt. Wer Bollywood-Romantik mit Tanznummern erwartet, ist hier falsch. Wer Filme über Frauen mag, die sich gegen enge gesellschaftliche Regeln behaupten, findet in Sibel aus demselben Jahr ein lohnendes Gegenstück aus der Türkei.
Quellen
- Wikipedia: Sir (2018 film)
- Wikipedia: Rohena Gera
- kino.de: Die Schneiderin der Träume (Kinostart, FSK, Laufzeit, Verleih)
- Unifrance: Monsieur (Festivals, Preis der Fondation Gan)
- Variety: Filmkritik zu Sir
- Gulf News: Indian film Sir tackles class barriers
- Read the Spirit: Visual Parables zu Sir (Handlungsdetails)
- KinoCritics: Kritik von Birgit Schrumpf
- Wikipedia: Cabourg Film Festival (Publikumspreis 2018)








