Oben ist es still (2013): Jeroen Willems in seiner letzten Rolle

Oben ist es still (2013): Jeroen Willems in seiner letzten Rolle

Ein Bauernhof in der niederländischen Provinz, ein Mann in seinen Fünfzigern, ein bettlägeriger Vater im Obergeschoss: Mehr braucht Oben ist es still nicht, um von einem verpassten Leben zu erzählen. Die Regisseurin Nanouk Leopold verfilmte 2013 den gleichnamigen Roman von Gerbrand Bakker als niederländisch-deutsche Koproduktion. Die Hauptrolle spielt Jeroen Willems, der im Dezember 2012 kurz nach den Dreharbeiten starb. Das Drama feierte im Februar 2013 in der Sektion Panorama der Berlinale Weltpremiere und lief am 13. Juni 2013 im Verleih von Salzgeber in den deutschen Kinos an.

OriginaltitelBoven is het stil
ProduktionslandNiederlande, Deutschland
Jahr2013
RegieNanouk Leopold
DrehbuchNanouk Leopold, nach dem Roman von Gerbrand Bakker
DarstellerJeroen Willems, Henri Garcin, Martijn Lakemeier, Wim Opbrouck, Lies Visschedijk
Laufzeit87 Minuten (laut filmportal.de)
FSKab 12 Jahren
Kinostart Deutschland13. Juni 2013
GenreDrama
BewertungenIMDb 6,4/10 · Rotten Tomatoes 73 % · Metacritic 72/100 (Stand: Oktober 2026)
Trailer (YouTube-Kanal: Salzgeber)

Helmer räumt das Haus um und beginnt zu leben

Helmer bewirtschaftet den elterlichen Hof, abgelegen im flachen Land, mit Vieh, Stall und wenig Abwechslung. Den Betrieb hat er nie gewollt, aber er ist geblieben. Sein Vater, gespielt vom französischen Schauspieler Henri Garcin, ist alt und hinfällig. Zwischen den beiden Männern herrscht seit Jahrzehnten eine Kälte, über die keiner spricht.

Eines Tages trägt Helmer den Vater nach oben in ein kleines Zimmer und beginnt, das Erdgeschoss umzugestalten. Er wirft alte Möbel hinaus, streicht Wände und richtet sich zum ersten Mal Räume nach eigenem Geschmack ein. Den Alten versorgt er weiterhin, pflichtbewusst und ohne Zärtlichkeit.

Abwechslung bringt der Milchfahrer, der jeden Tag auf den Hof kommt. Zwischen ihm und Helmer entsteht eine vorsichtige Vertrautheit, die keiner der beiden benennt. Später zieht der junge Knecht Henk ein, gespielt von Martijn Lakemeier. Seine Anwesenheit bringt Bewegung in den eingefahrenen Alltag und lässt Helmer spüren, was ihm bisher gefehlt hat. Gegen Ende fällt am Sterbebett noch ein Satz, der das Verhältnis von Vater und Sohn in ein anderes Licht rückt. Welcher, sei hier nicht verraten.

Vom Roman zum Film: Gerbrand Bakkers stilles Bestseller-Buch

Gerbrand Bakker veröffentlichte den Roman Boven is het stil 2006 in den Niederlanden. Die deutsche Übersetzung von Andreas Ecke erschien 2008 bei Suhrkamp. Größte internationale Aufmerksamkeit bekam das Buch in der englischen Fassung The Twin, übersetzt von David Colmer: Sie gewann 2010 den International IMPAC Dublin Literary Award, einen der höchstdotierten Literaturpreise weltweit.

Im Roman spielt die Erinnerung an Helmers früh verstorbenen Zwillingsbruder eine zentrale Rolle, der den Hof eigentlich übernehmen sollte. Leopold schrieb das Drehbuch selbst und verlagerte das Gewicht stärker auf das Hier und Jetzt: auf Helmers Körper, seine Arbeit, seine Blicke. Vieles, was Bakker in Helmers Gedanken ausbreitet, übersetzt der Film in Gesten und Bilder.

Nanouk Leopold und ihr Team hinter der Kamera

Nanouk Leopold, 1968 in Rotterdam geboren, gehört zu den eigenwilligsten Stimmen des niederländischen Autorenkinos. Nach ihrem Debüt Îles flottantes drehte sie unter anderem Guernsey, Wolfsbergen (2007) und Brownian Movement (2010) mit Sandra Hüller. In Letzterem spielt auch die Schweizerin Sabine Timoteo mit, die sich später für den Dokumentarfilm Zen for Nothing monatelang in einem japanischen Zen-Kloster filmen ließ. Leopolds Stil gilt als antipsychologisch, präzise und wortkarg. Oben ist es still ist im Vergleich wärmer, ohne seine Strenge aufzugeben.

Hinter der Kamera stand Frank van den Eeden. Seine Bilder sind ruhig und geduldig, mit viel Raum für Landschaft, Stallarbeit und leere Zimmer. Die Musik von Paul M. van Brugge bleibt sparsam. Den Schnitt verantwortete Katharina Wartena, die dafür beim Niederländischen Filmfestival ein Goldenes Kalb erhielt. Produziert wurde der Film von Circe Films und N279 Entertainment aus Amsterdam zusammen mit der Kölner Coin Film, beteiligt waren außerdem 3sat und der niederländische Sender VPRO.

Jeroen Willems: eine Abschiedsrolle ohne große Worte

Jeroen Willems, 1962 in Maastricht geboren, war in den Niederlanden von Bühne und Fernsehen bekannt, spielte aber auch in Kinofilmen wie Nynke und in internationalen Produktionen wie Ocean's Twelve. Am 3. Dezember 2012 wurde ihm bei Proben für eine Gala im Amsterdamer Theater Carré unwohl, er starb noch am selben Tag im Krankenhaus an Herzversagen. Er wurde 50 Jahre alt. Zur Berlinale-Premiere zwei Monate später konnte er nicht mehr erscheinen.

Seine Darstellung lebt von Zurückhaltung. Helmer redet wenig, bewegt sich schwer, wirkt manchmal fast gleichgültig. Erst allmählich zeigt Willems, wie viel Sehnsucht unter dieser Oberfläche liegt, etwa wenn Helmer einen Moment zu lange auf den Milchfahrer blickt. Henri Garcin hält mit einer Figur dagegen, die fast nur im Bett liegt und trotzdem den Raum beherrscht.

Berlinale-Premiere, Festivalpreise und deutsche Kritik

Die Berlinale wählte Boven is het stil 2013 als Eröffnungsfilm des Panorama Special. Danach lief der Film auf zahlreichen Festivals, darunter Karlovy Vary, Seattle und Thessaloniki. Laut der Produktionsfirma Circe Films gewann er unter anderem den Großen Jurypreis beim Outfest in Los Angeles, einen Silver Hugo beim Chicago International Film Festival und den Preis für die beste Regie beim Bildrausch-Festival in Basel. Bei den Goldenen Kälbern war er unter anderem als bester Film nominiert.

Christian Schröder lobte im Tagesspiegel die Zurückhaltung der Inszenierung: Das Drama spiele sich in kleinen Gesten und Blicken ab statt in Dialogen. Den späten Moment am Sterbebett empfand er als bewegend. Robert Cherkowski gab dem Film bei Filmstarts 3,5 von 5 Sternen und hob hervor, dass Leopold keine geglättete Erzählung anbiete, sondern zeige, wie schwer selbst bescheidenes Glück zu erreichen sei.

Was den Film sehenswert macht und wo er fordert

Die größte Stärke von Oben ist es still ist sein Vertrauen in das Publikum. Leopold erklärt nichts, sie beobachtet. Wer genau hinsieht, erkennt in den Ritualen des Hofalltags eine ganze Lebensgeschichte: das Leben wider Willen auf dem Hof, die unausgesprochene Homosexualität, die Bindung an einen Vater, der nie Zuneigung gezeigt hat. Dass Helmer am Ende kein großes Coming-out erlebt, sondern nur ein wenig freier atmet, wirkt ehrlicher als jede dramatische Wendung.

Diese Konsequenz hat ihren Preis. Wer Plotfortschritt erwartet, wird die ersten zwei Drittel als zäh empfinden. Manche Nebenfiguren bleiben skizzenhaft, und Leser des Romans vermissen vermutlich die Ebene der Erinnerung an den Zwillingsbruder, die das Buch so reich macht. Als Film über Einsamkeit auf dem Land und über einen Mann, der spät beginnt, für sich selbst zu sorgen, ist das Drama dennoch eindringlich. Es eignet sich für ein Publikum, das stille europäische Autorenfilme schätzt, und ist zugleich ein würdiges Vermächtnis eines großen Schauspielers.

Quellen