Ein letzter Tango (Originaltitel Un tango más, englisch Our Last Tango) ist ein deutsch-argentinischer Dokumentarfilm des Regisseurs Germán Kral aus dem Jahr 2015. Er erzählt von María Nieves und Juan Carlos Copes, dem wohl berühmtesten Paar in der Geschichte des Bühnentangos. Fast ein halbes Jahrhundert tanzten die beiden zusammen, als Liebespaar, Ehepaar und schließlich als Kollegen, die einander kaum noch ertrugen. Kral lässt sie im Alter auf dieses Leben zurückblicken und übersetzt ihre Erinnerungen in eigens choreografierte Tanzszenen. Wim Wenders gehörte zu den ausführenden Produzenten. Die Weltpremiere fand im September 2015 beim Toronto International Film Festival statt, in die deutschen Kinos kam der Film am 7. April 2016.
| Originaltitel | Un tango más (englischer Titel: Our Last Tango) |
|---|---|
| Produktionsland | Deutschland, Argentinien |
| Jahr | 2015 |
| Regie | Germán Kral |
| Drehbuch | Germán Kral; Konzept: Germán Kral, Daniel Speck |
| Darsteller | María Nieves, Juan Carlos Copes (als sie selbst); Pablo Verón, Alejandra Gutty, Juan Malizia, Ayelén Álvarez Miño |
| Laufzeit | 85 Minuten (laut filmportal.de; der Filmdienst nennt 81 Minuten) |
| FSK | ohne Altersbeschränkung (FSK 0) |
| Kinostart Deutschland | 7. April 2016 (Verleih: Alpenrepublik) |
| Genre | Dokumentarfilm mit Spielszenen, Tanzfilm |
| Bewertungen | IMDb 7,2/10 · Rotten Tomatoes 90 % · Metacritic 70/100 (Stand: Oktober 2026) |
Worum es geht: Zwei Versionen einer gemeinsamen Geschichte
Der Film folgt dem Paar von den ersten Schritten in den Tanzlokalen von Buenos Aires in den späten 1940er Jahren bis zu den Triumphen in Paris, New York und am Broadway. Nieves und Copes werden weitgehend getrennt befragt. Oft erzählen sie dieselbe Episode ganz unterschiedlich, und gerade diese Abweichungen machen den Reiz aus: Das Publikum sieht zwei Versionen einer gemeinsamen Geschichte.
Kral arbeitet mit drei Ebenen. Neben den Interviews stehen Archivaufnahmen früherer Auftritte und neu inszenierte Szenen, in denen jüngere Tänzerinnen und Tänzer Schlüsselmomente nachempfinden. Die Proben dazu sind Teil des Films, sodass die Darsteller auch mit Nieves und Copes über deren Vergangenheit ins Gespräch kommen.
Entstehung: Eine Münchner Produktion mit Wim Wenders
Germán Kral wurde 1968 in Buenos Aires geboren und studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film München. Dem Tango hatte er sich schon früher gewidmet: In Der letzte Applaus (2008) begleitete er betagte Tangomusiker, die sich für ein letztes Konzert in ihrer Stammbar wieder zusammenfinden. Produziert wurde Ein letzter Tango von der Münchner Lailaps Pictures und Krals eigener Firma, als Koproduzenten waren unter anderem der WDR und die argentinische Mateina Producciones beteiligt. Das Konzept entwickelte Kral mit dem Autor Daniel Speck.
Hinter der Kamera standen Jo Heim und der argentinische Kameramann Félix Monti, geschnitten hat Ulrike Tortora. Die Musik stammt von Luis Borda, dem Sexteto Mayor und dem Münchner Komponisten Gerd Baumann.
María Nieves und Juan Carlos Copes
María Nieves, 1934 im Stadtteil Saavedra geboren, war 14, als der drei Jahre ältere Copes sie als Tanzpartnerin wählte. Aus der Partnerschaft wurde eine Liebesbeziehung, 1964 heirateten die beiden in Las Vegas. Die Ehe endete 1973, das Tanzpaar aber blieb noch lange bestehen. Ende der 1950er Jahre tourten sie mit einer Revue, zu der Astor Piazzolla die Musik beisteuerte, international. 1983 gehörten sie zum Ensemble der Show Tango Argentino, die in Paris begann und 1985 den Broadway eroberte.
Im Film zeigt sich Nieves als offene, spöttische und zugleich verletzte Erzählerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Copes wirkt kontrollierter, spricht stolz über seine Rolle als Wegbereiter und zurückhaltender über das Private. Aus beiden Perspektiven ergibt sich das Bild einer künstlerisch außergewöhnlichen und menschlich schwierigen Beziehung.
Wie Tanz, Musik und Kamera die Geschichte erzählen
Für die Rückblenden setzt Kral auf zwei Generationen. Ayelén Álvarez Miño und Juan Malizia verkörpern Nieves und Copes als junge Leute, die bekannten Tänzer Pablo Verón und Alejandra Gutty übernehmen die Jahre der Reife. Die Szenen sind keine exakten Rekonstruktionen, sondern freie Interpretationen, in denen Streit, Eifersucht oder Versöhnung in Bewegung übersetzt werden.
Die Choreografien knüpfen oft direkt an Aussagen aus den Interviews an. Erzählt Nieves von Nähe, wird der Tanz eng und weich; geht es um Kränkungen, werden die Bewegungen hart und abgehackt. Klassische Tangos aus der Blütezeit stehen neben neuen Arrangements, sodass der Soundtrack selbst zum Erzähler wird. Die Kamera nimmt mit fließenden, oft kreisenden Bewegungen die Drehungen der Tänzer auf, in den Interviews bleibt sie nah an Gesichtern und Händen. Der Schnitt wechselt zwischen ruhigen Passagen und schnellen Folgen und greift damit den Rhythmus des Tangos auf.
Nebenbei erzählt der Film ein Stück Kulturgeschichte. Nieves und Copes gehörten zu jenen, die den Tango aus den Milongas auf die Theaterbühne holten und ihn zur Show mit festen Choreografien machten. Mit dem Erfolg von Tango Argentino setzte in den 1980er Jahren weltweit ein Tangoboom ein, von dem Tanzschulen bis heute profitieren.
Von Toronto nach Hof: Festivals, Kinostart und Bayerischer Filmpreis
Nach der Premiere in Toronto zeigten die Internationalen Hofer Filmtage den Film im Oktober 2015 erstmals in Deutschland. Im April 2016 startete er regulär in den Kinos, vielerorts auch im spanischen Original mit Untertiteln, im Mai 2016 lief er zudem beim DOK.fest München. Die FSK gab ihn ohne Altersbeschränkung frei.
Kameramann Jo Heim erhielt für die Bildgestaltung den Bayerischen Filmpreis, den filmportal.de unter dem Jahr 2016 führt. Damit wurde ausgerechnet jenes Element prämiert, das den Film von vielen Musikerporträts abhebt: die Verbindung von intimen Interviews und großzügig inszeniertem Tanz.
Wie die Kritik den Film aufnahm
Die deutsche Kritik reagierte überwiegend positiv. Marguerite Seidel hob im Filmdienst hervor, dass der Film die Gefühle des Paares stärker gewichtet als die Tanztechnik, und beschrieb die Kamera als eine Art zusätzliche Tanzpartnerin. Besonders gelungen fand sie, wie Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen. Dieter Oßwald nannte den Film auf Programmkino.de unterhaltsam und berührend, lobte, dass Kral über bloße Interviewköpfe hinausgeht, und sah ihn als Film, der weit über Tangofans hinaus funktioniert. Auch er hob María Nieves als schlagfertige Erzählerin hervor. Englischsprachige Rezensentinnen bei KinoCritics.com empfahlen den Film vor allem Tangobegeisterten, eine von ihnen räumte ein, dass sie die nachgestellten Szenen zunächst irritierten.
Unsere Einschätzung: Ein Film über Führen, Folgen und Altern
Heute ist Ein letzter Tango ein Dokument, das sich nicht wiederholen lässt. Juan Carlos Copes starb am 16. Januar 2021 im Alter von 89 Jahren in Buenos Aires an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung, María Nieves am 19. April 2026 mit 91 Jahren. Der Film hält fest, wie zwei Menschen, die jahrzehntelang auf der Bühne eins waren, im Alter um die Deutungshoheit über ihre gemeinsame Geschichte ringen. Der Tango wird dabei zum Bild für Führen und Folgen, Nähe und Abstand.
Die größte Stärke ist Nieves selbst. Ihre Direktheit, ihr Witz und ihre unverhohlene Kränkung tragen den Film, und Kral ist klug genug, ihr den Raum dafür zu lassen. Das hat allerdings einen Preis: Copes bleibt im Vergleich blasser, seine Sicht wirkt oft wie eine Gegenrede, deren Hintergründe der Film nicht ausleuchtet. Auch die nachgestellten Tanzszenen sind nicht jedermanns Sache. Sie sind elegant fotografiert, illustrieren manche Erinnerung aber etwas zu wörtlich, wo eine Archivaufnahme oder ein Schweigen mehr gesagt hätte.
Wer Tango liebt, bekommt starke Bilder und eine Musik, die man lange im Ohr behält. Wer mit dem Tanz wenig anfangen kann, findet eine berührende Geschichte über eine Partnerschaft, die an der Liebe scheiterte und in der Kunst weiterlebte. Wer Filme schätzt, in denen Musik eine zerbrechende Beziehung erzählt, kann den Abend mit dem fiktionalen Drama The Broken Circle fortsetzen, in dem Bluegrass diese Rolle übernimmt.
Quellen
- filmportal.de: Ein letzter Tango (Stab, Besetzung, FSK, Kinostart, Auszeichnungen)
- filmportal.de: Germán Kral (Biografie und Filmografie)
- Filmdienst: Ein letzter Tango, Kritik von Marguerite Seidel
- Programmkino.de: Ein letzter Tango, Kritik von Dieter Oßwald
- crew united: Jo Heim (Bayerischer Filmpreis für Bildgestaltung)
- Wikipedia (englisch): Juan Carlos Copes
- The San Juan Daily Star: Nachruf auf María Nieves Rego








