Psion baute Taschencomputer mit echter Tastatur, lange bevor jemand von Smartphones sprach, und lieferte mit EPOC das Betriebssystem, aus dem Symbian wurde. Die Firma verschwand 2012 in Motorola Solutions, ihr Gründer David Potter starb am 28. Juni 2026 mit 82 Jahren. Hier steht die Geschichte in der richtigen Reihenfolge, mit den Jahreszahlen der wichtigsten Geräte und dem, was davon heute noch nachwirkt.
Vom Softwarehaus zum Organiser (1980 bis 1986)
David Potter, in Südafrika geboren und als Physiker am Imperial College in London tätig, gründete Psion 1980. Der Name steht für „Potter Scientific Instruments“; weil das Kürzel PSI schon vergeben war, hängte er „ON“ an. In den ersten Jahren war Psion ein Softwarehaus: Spiele und Programme für Sinclairs Heimcomputer, 1984 dann das Bürosoftware-Paket für den Sinclair QL mit Quill (Text), Archive (Datenbank), Abacus (Tabelle) und Easel (Grafik).
Im selben Jahr kam das erste eigene Gerät: der Psion Organiser. Ein Hitachi-6301-Prozessor, 2 KB RAM, eine einzeilige Anzeige mit 16 Zeichen und Speichermodule namens Datapaks, die als EPROM nur mit UV-Licht gelöscht werden konnten. Preis zum Start: 99 Pfund. Wirklich erfolgreich wurde erst der Organiser II von 1986. Er brachte die BASIC-ähnliche Programmiersprache OPL mit, lief in Varianten wie CM, XP und später LZ mit vierzeiliger Anzeige und wurde laut Wikipedia in mehr als 500.000 Exemplaren gebaut. OPL löste einen großen Markt unabhängiger Software aus, und eine programmierbare Plattform mit eigener Entwicklergemeinde blieb von da an das Muster aller Psion-Geräte.
SIBO, EPOC und die Serie 3 (1987 bis 1998)
Ab 1987 entwickelte Psion eine 16-Bit-Plattform mit dem Codenamen SIBO und dazu das Betriebssystem EPOC (später EPOC16 genannt). Die ersten Geräte damit waren 1989 die Notebooks MC200 und MC400, die sich schlecht verkauften. Den Durchbruch brachte 1991 die Serie 3: ein Klappgerät im Brillenetui-Format mit Tastatur, 240 × 80 Pixeln Anzeige und zwei AA-Batterien als Stromquelle. Daten lagen auf Steckmodulen, den Solid State Disks.
Die Serie 3a von 1993 verdoppelte das Tempo (NEC V30H mit 7,68 MHz) und die Auflösung auf 480 × 160 Pixel mit Graustufen. 1996 folgten die Serie 3c mit beleuchtetem Display und der Siena, 1998 als letztes 16-Bit-Gerät die Serie 3mx mit 27,684 MHz. Parallel lief mit dem Workabout eine robuste Linie für Lager und Industrie. Die Geräte gab es auch in lokalisierten Fassungen mit deutscher Software, was ihnen im deutschsprachigen Raum eine feste Anhängerschaft verschaffte.
32 Bit: Serie 5, Revo, Serie 7 und netBook
Seit 1994 arbeitete Psion an einem neuen 32-Bit-System, EPOC32. Es erschien im Juni 1997 auf der Serie 5 mit ARM-Prozessor, 640 × 240 Pixeln Touchscreen und der berühmten Schiebetastatur, die beim Aufklappen nach vorn wandert. 1999 kamen in schneller Folge die Serie 5mx (doppelter Takt, 16 MB RAM), der schlanke Revo ohne Speicherkartenslot und das netBook für Firmenkunden mit Farbdisplay und StrongARM-Prozessor; die Konsumentenvariante Serie 7 folgte 2000. Details zu Technik und Schwächen stehen in den Artikeln zur Psion Serie 5 und dem Revo und zum Psion netBook.
Psion lizenzierte EPOC32 auch an andere Hersteller. Ericsson verkaufte die 5mx als MC218, Oregon Scientific baute den Osaris, die Firma Geofox aus Cambridge den Geofox One, von dem weniger als 1.000 Stück entstanden. Diese Lizenzpolitik war der Kern der nächsten großen Entscheidung.
Symbian: das Betriebssystem zieht aus
Am 24. Juni 1998 gründete Psion mit Nokia und Ericsson die Symbian Ltd., Motorola stieg im Oktober 1998 ein. Psion brachte EPOC32 und rund 130 Entwickler ein und hielt anfangs 31 Prozent. Das System hieß bald Symbian OS. Das erste Telefon mit EPOC war im November 2000 das Ericsson R380, im selben Monat erschien der Nokia 9210 Communicator. Psion verkaufte seine restlichen Symbian-Anteile 2004 an Nokia. Nokia übernahm Symbian 2008 vollständig und lieferte 2013 sein letztes Symbian-Telefon aus.
Im Rückblick ist das Psions größtes Erbe: Nokias Smartphones liefen über ein Jahrzehnt auf einer Codebasis, die für einen Taschencomputer aus London entworfen worden war. Für die eigene Hardware hatte die Ausgründung aber eine Kehrseite, denn die besten Leute und das wichtigste Produkt saßen nun in einem anderen Unternehmen.
Der Rückzug aus dem PDA-Geschäft 2001
Am 11. Juli 2001 kündigte Psion an, keine Handheld-Computer für Endkunden mehr zu entwickeln. Geplante Bluetooth-Geräte, darunter ein Revo mit Bluetooth, wurden gestrichen, rund 250 Stellen fielen weg, die Sonderbelastung bezifferte Computerworld auf 29 Millionen Pfund. Schon im Januar 2001 war Motorola aus dem gemeinsamen PDA-Telefon-Projekt „Odin“ ausgestiegen. Psion konzentrierte sich danach auf Geräte für Industrie und Bildung sowie auf die Symbian-Beteiligung. Das netBook für Firmenkunden blieb bis 2003 im Programm.
Psion Teklogix, Motorola und Zebra
Den Grundstein für das spätere Kerngeschäft hatte Psion im Jahr 2000 gelegt: Für 240 Millionen Pfund kaufte die Firma den kanadischen Funkdaten- und Logistikspezialisten Teklogix und verschmolz ihn mit der eigenen Enterprise-Sparte zu Psion Teklogix. Robuste Handcomputer wie der Workabout Pro wurden das Hauptprodukt. 2003 erschien als Nachfolger des netBook das netBook Pro mit Windows CE statt EPOC. 2008 und 2009 machte die Firma noch einmal Schlagzeilen, als sie den Begriff „Netbook“ als Marke verteidigen wollte und im Juni 2009 nachgab.
David Potter gab die Geschäftsführung 1999 ab und blieb bis Ende 2009 Chairman. 2011 strich das Unternehmen „Teklogix“ wieder aus dem Namen. Im Juni 2012 vereinbarte Motorola Solutions die Übernahme für rund 200 Millionen US-Dollar, am 1. Oktober 2012 war sie abgeschlossen, der Rückzug von der Londoner Börse wurde beantragt. Seit 2014 gehört das frühere Psion-Geschäft zu Zebra Technologies, die Motorolas Enterprise-Sparte für 3,45 Milliarden US-Dollar kaufte.
Die wichtigsten Psion-Geräte mit Erscheinungsjahr
| Gerät | Jahr | Besonderheit |
| Organiser | 1984 | erstes Psion-Gerät, 2 KB RAM, einzeilige Anzeige |
| Organiser II (CM, XP, später LZ) | 1986 (LZ 1989) | Programmiersprache OPL, über 500.000 gebaut |
| MC200 / MC400 | 1989 | Notebooks, erste Geräte mit EPOC16 |
| Serie 3 | 1991 | Klappgerät mit Tastatur, 240 × 80 Pixel |
| Serie 3a | 1993 | 480 × 160 Pixel, doppelt so schnell |
| Serie 3c / Siena | 1996 | beleuchtetes Display (3c), Siena als weiteres SIBO-Gerät |
| Serie 5 | 1997 | EPOC32, ARM, Schiebetastatur |
| Serie 3mx | 1998 | letztes 16-Bit-Gerät |
| Serie 5mx, Revo, netBook | 1999 | EPOC Release 5 |
| Serie 7 | 2000 | Konsumentenvariante des netBook |
| netBook Pro | 2003 | Windows CE .NET 4.2 statt EPOC |
Was Psion vorwegnahm und wer das Erbe pflegt
Zwei Ideen hat Psion früher als andere zu Ende gedacht. Erstens ein Betriebssystem, das auf sparsamer Hardware tagelang läuft, sofort einsatzbereit ist und Termine, Texte und Tabellen in einem Gerät zusammenführt; daraus wurde das erste verbreitete Smartphone-System. Zweitens der Taschencomputer mit einer Tastatur, auf der man tatsächlich schreiben kann. Dieser zweite Gedanke hat den Markt nicht gewonnen, Touchscreens haben ihn verdrängt, aber er hat eine treue Anhängerschaft.
Am sichtbarsten wurde das 2018 mit dem Gemini PDA von Planet Computers: ein Android-Gerät im Serie-5-Format, dessen Tastatur das Designbüro Therefore gestaltete, geleitet vom Designer der ursprünglichen Psion-Tastatur. Über 6.200 Unterstützer finanzierten es per Indiegogo mit mehr als zwei Millionen Dollar. Der Test von IT Pro lobte die Idee und kritisierte die Tastatur als hakelig; der Nachfolger Cosmo Communicator folgte 2019, das Astro Slide 5G wurde 2020 vorgestellt. Unsere Einschätzung: als Liebhaberstück reizvoll, als Ersatz für eine gut erhaltene Serie 5mx zum Schreiben nicht überzeugender.
Die Community ist kleiner, aber aktiv. In den späten Neunzigern entstanden auch im deutschsprachigen Raum eigene Fanseiten und Foren rund um Serie 3 und Serie 5. Heute bündelt das Linkverzeichnis psion.community Software-Indizes, Emulatoren, Handbücher und Reparaturhinweise und verweist auf Discord, Reddit und einen Psion-Anwenderclub in Österreich. Der Emulator MAME bildet inzwischen mehrere Serie-3-Modelle nach. Wie man die alten Geräte praktisch weiterbetreibt, beschreibt der Ratgeber Psion-Geräte heute nutzen.
Quellen
- Wikipedia: Psion (company)
- Archives of IT: Psion founder Dr David Potter CBE dies aged 82 (2026)
- Wikipedia: Psion Organiser
- Wikipedia: EPOC (operating system)
- Wikipedia: Symbian Software
- Computerworld: Psion shelves Bluetooth products, lays off 250 (Juli 2001)
- Motorola Solutions: Completes Acquisition of Psion PLC (Oktober 2012)
- IT Pro: Gemini PDA review (2018)







