Zwischen 2002 und 2010 hat sich die PC-Grafik schneller verändert als in jedem Jahrzehnt danach: von DirectX 8.1 mit fest verdrahteten Pipelines über die ersten DirectX-9-Shader bis zu Unified Shadern unter DirectX 10. Wer heute einen Retro-PC für Spiele aus dieser Zeit aufbaut, landet fast zwangsläufig bei einer Handvoll Karten, die damals in jedem Testlabor lagen. Hier stehen ihre Daten, warum einige davon Legendenstatus erreicht haben und worauf man beim Kauf gebrauchter Exemplare achten muss.
Die wichtigsten Karten mit Daten
Die technischen Angaben stammen aus den Spezifikationstabellen der jeweiligen Grafikkartenserien. Wo Quellen beim Erscheinungsdatum voneinander abweichen, ist der Zeitraum angegeben.
| Karte | Erschienen | Chip | DirectX / Shader | Speicher | Bedeutung damals |
|---|---|---|---|---|---|
| GeForce4 Ti 4200 | April 2002 | NV25, später NV28 (AGP 8x) | 8.1 / PS 1.3 | 64 oder 128 MB DDR | Für 199 US-Dollar halb so teuer wie die Ti 4600 |
| Radeon 9700 Pro | Sommer 2002 | R300, 150 nm | 9.0 / SM 2.0 | 128 MB DDR, 256 Bit | Erster voll DirectX-9-fähiger Consumer-Chip |
| Radeon 9800 / 9800 Pro | 2003 | R350 | 9.0 / SM 2.0 | 128 MB DDR, Pro auch 256 MB DDR2, 256 Bit | Feinschliff des R300, mehr Takt |
| Radeon 9600 Pro | 2003 | RV350, 130 nm | 9.0 / SM 2.0 | 128 oder 256 MB DDR, 128 Bit | Mittelklasse mit vier Pipelines |
| GeForce FX 5900 Ultra / XT | Mai / Dez. 2003 | NV35 | 9.0a / SM 2.0a | Ultra 256 MB, 256 Bit | Stark in DirectX 8, schwach bei DirectX-9-Shadern |
| GeForce 6800 LE | Juli 2004 (AGP) | NV40 | 9.0c / SM 3.0 | 128 oder 256 Bit | Nur 8 aktive Pipelines, Freischalt-Kandidat |
| GeForce 6600 / 6600 GT | August 2004 | NV43, 110 nm | 9.0c / SM 3.0 | 128 Bit, GT mit GDDR3 | Shader Model 3.0 für die Mittelklasse |
| Radeon X700 Pro | Ende 2004 / 2005 | RV410, 110 nm | 9.0b / SM 2.0b | 128 oder 256 MB GDDR3, 128 Bit | Gegenspieler der 6600 |
| Radeon X800 SE / XL / XT | 2004–2005 | R420, XL: R430 (110 nm) | 9.0b / SM 2.0b | 256 MB GDDR3, 256 Bit | SE mit 8, XL und XT mit 16 Pipelines |
| GeForce 7800 GT | August 2005 | G70, 20 Pipelines | 9.0c / SM 3.0 | GDDR3 | Günstigere Variante der 7800 GTX |
| GeForce 8800 Ultra | Mai 2007 | G80, 90 nm | 10 / SM 4.0, 128 Unified Shader | 768 MB GDDR3, 384 Bit | Rund 10 Prozent über der GTX für 829 US-Dollar |
| GeForce 8800 GT | Oktober 2007 | G92, 65 nm | 10 / SM 4.0, 112 Unified Shader | 512 MB GDDR3, 256 Bit | Fast GTX-Leistung für rund 300 US-Dollar |
| Radeon HD 3870 | November 2007 | RV670, 55 nm | 10.1 | 512 MB GDDR4, 256 Bit | Erste 55-nm-Karte, deutlich sparsamer als der Vorgänger |
| GeForce GT 240 | November 2009 | GT215, 40 nm | 10.1 | DDR3, GDDR3 oder GDDR5, 128 Bit | 69 W TDP, genügsamer Allrounder |
Warum die Radeon 9700 Pro und die 8800 GT legendär wurden
Die Radeon 9700 Pro war der erste Consumer-Chip mit vollständiger DirectX-9-Unterstützung und der erste, der ein 256 Bit breites Speicherinterface wirklich ausnutzte. Ohne Kantenglättung lag sie 15 bis 20 Prozent vor der GeForce4 Ti 4600, mit Kantenglättung und anisotropem Filter je nach Spiel 40 bis 100 Prozent. Damit wurden beide Bildverbesserer erstmals ohne große Einbußen nutzbar. ATI übernahm zum ersten Mal die technische Führung, und die Karte blieb ungewöhnlich lange spieletauglich.
NVIDIA antwortete mit der GeForce-FX-Reihe, die sich als Schwachstelle erwies: Die Architektur war auf 16-Bit-Shadergenauigkeit optimiert, DirectX 9 verlangte mindestens 24 Bit. Mit voller Genauigkeit brach die Leistung ein. Die FX 5900 Ultra schlug die Radeon 9800 Pro nur in Spielen, die wenig Shader Model 2.0 nutzten.
Die 8800 GT dagegen war ein Preisbrecher. Im Oktober 2007 kam sie für einen erwarteten Straßenpreis von etwa 300 US-Dollar, schlug in den meisten Tests die Radeon HD 2900 XT und NVIDIAs eigene 8800 GTS 640 MB und blieb nah an der 8800 GTX. Dazu war sie die erste Karte der 8800-Familie in 65 nm und unterstützte bereits PCI Express 2.0. Die teure 8800 Ultra mit 829 US-Dollar Startpreis galt dagegen schon bei Erscheinen als schlechtes Geschäft. AMD konterte im November 2007 mit der Radeon HD 3870, dem ersten Grafikchip in 55 nm, der DirectX 10.1 beherrschte und weniger Strom brauchte als die HD 2900.
Pipelines freischalten: das Bastelphänomen von 2004 und 2005
Hersteller nutzen bis heute teildeaktivierte Chips für günstigere Modelle. Um 2004 ließ sich das teilweise rückgängig machen. Die GeForce 6800 LE und die 6800 ohne Zusatz nutzten auf AGP-Karten denselben NV40-Chip wie die Ultra, mit maskierten Pixel-Pipelines und Vertex-Shadern. Mit dem Tool RivaTuner und dessen NVStrap-Treiber ließen sich diese Einheiten per Software aktivieren. Ob das klappte, hing vom einzelnen Chip ab: In Foren wie ComputerBase berichteten manche Besitzer von stabilen 16 Pipelines, andere sahen sofort Bildfehler, weil die abgeschalteten Einheiten tatsächlich defekt waren. PCIe-Karten mit den nativen Chips NV41 und NV42 ließen sich nicht umbauen.
Bei ATI lief es über das BIOS, und zwar vor allem bei der X800 Pro VIVO mit 12 statt 16 Pipelines: TechPowerUp veröffentlichte im Juli 2004 eine Anleitung, mit der sich ein XT-PE-BIOS aufspielen ließ. Normale X800 Pro ohne VIVO-Anschluss ließen sich so nicht umbauen. Auch hier galt: Bildfehler bedeuteten defekte Pipelines, ein BIOS-Backup war Pflicht. Wie man heute bei Grafikkarten den Takt anhebt oder die Spannung senkt, steht im Ratgeber Grafikkarte übertakten und undervolten.
Welche Karte in einen Retro-PC passt
Windows 98 und Spiele bis etwa 2003
Bei NVIDIA ist die GeForce 6 die Obergrenze. Der Treiber 81.98 vom Dezember 2005 nennt ausdrücklich die GeForce-6-Serie, eine GeForce 7 läuft unter Windows 98 nur mit selbst angepassten INF-Dateien und ohne Garantie. Eine GeForce 6600 GT oder 6800 deckt die meisten DirectX-7- bis DirectX-9-Spiele dieser Zeit ab. Für Spiele, die 3dfx Glide verlangen, hilft keine dieser Karten, dazu mehr im Artikel über die 3dfx-Voodoo-Karten.
Windows XP und Spiele von 2003 bis 2009
Für XP-Systeme mit AGP sind eine Radeon 9800 Pro oder eine GeForce 6800 die naheliegende Wahl, mit PCI Express eine 7800 GT oder, wenn das Netzteil mitspielt, eine 8800 GT. Die Treiberlage: NVIDIA veröffentlichte im Februar 2013 mit Version 307.83 noch einen WHQL-Treiber für GeForce 6 und 7 unter XP. AMD hat die Radeon-Reihen 9500 bis X2100 dagegen schon mit Catalyst 10.2 vom Februar 2010 eingestellt, wie das Unternehmen im September 2010 bestätigte. Die GT 240 ist mit 69 W TDP die unkomplizierteste Option für kleine Gehäuse und schwache Netzteile.
Gebrauchtpreise
Für Karten dieser Ära gibt es keinen verlässlichen Marktpreis. Zustand, Hersteller, Zubehör und Originalverpackung verschieben den Preis stark. Sinnvoll ist ein Blick auf abgeschlossene Auktionen bei eBay statt auf Angebotspreise. Ein konkreter Richtwert lässt sich nicht seriös nennen.
Typische Defekte bei 15 bis 20 Jahre alten Karten
Wer eine alte Karte kauft, sollte mit Reparaturen rechnen. Ein Erfahrungsbericht aus dem Retro-Forum VOGONS aus dem Jahr 2023 zeigt die üblichen Fehlerbilder an genau diesen Modellen:
- Aufgeblähte oder ausgelaufene Elektrolytkondensatoren: Eine GeForce 6600 startete nicht mehr, nach dem Tausch von vier Kondensatoren lief sie wieder. Ältere Elektrolytkondensatoren mit minderwertigem Elektrolyt bilden Gas und wölben sich auf. Wölbungen am Deckel oder Krusten am Fuß sind ein klares Warnsignal.
- Lüfter: Lager laufen trocken, die Lüfter werden laut oder bleiben stehen. Passende Ersatzlüfter sind meist einfacher zu bekommen als Ersatzkarten.
- Lötstellen unter dem Chip: Bildfehler schon im BIOS-Bildschirm deuten auf gebrochene Lötverbindungen. Ein Reflow mit Heißluft hilft manchmal, oft aber nur für einige Wochen.
- Speicherchips: Bleiben Bildfehler nach einem Reflow, steckt oft ein defekter Grafikspeicher dahinter; der Forenbericht vermutet das etwa bei einer FX 5900 Ultra.
Vor dem Kauf hilft eine einfache Prüfliste: Fotos der Platinenrückseite und der Kondensatoren verlangen, nach Bildfehlern im BIOS und unter Last fragen, Lüftergeräusch erwähnen lassen. Nach dem Einbau zuerst die Wärmeleitpaste erneuern, denn die originale Paste ist nach so vielen Jahren meist ausgetrocknet.
Quellen
- Wikipedia: Radeon 9000 series (R300, R350, RV350)
- Wikipedia: GeForce FX series
- Wikipedia: GeForce 8 series (8800 GT, 8800 Ultra)
- WinFuture, 15.11.2007: AMD stellt DirectX-10.1-Grafikkarten vor
- TechPowerUp: X800/X850 Pro VIVO to XT PE BIOS Mod
- VOGONS-Forum: Reparaturbericht zu GeForce 6600, 6800 GT, FX 5900 Ultra und Radeon 9800 XT (2023)
- NVIDIA: Treiber 81.98 für Windows 9x/ME
- WinFuture, 8.9.2010: Keine neuen Catalyst-Treiber für alte Grafikkarten







