Blogs galten schon mehrfach als tot, zuerst wegen Facebook, dann wegen Twitter, zuletzt wegen KI-Antworten in der Suchmaschine. Trotzdem starten jedes Jahr neue Blogs, und manche alten schreiben seit zwanzig Jahren weiter. Dieser Beitrag sortiert, aus welchen Gründen sich ein eigenes Blog heute noch lohnt, wann man besser darauf verzichtet, warum anfangs fast niemand mitliest und was dagegen hilft. Zum Schluss geht es um die Frage, wie Newsletter, Substack und das Fediverse die deutschsprachige Blogszene gerade verändern.
Vom Blogboom zum Blogsterben und zurück
Mitte der 2000er-Jahre war das Bloggen in Deutschland eine Bewegung. Im April 2007 trafen sich Blogger zur ersten re:publica in der Berliner Kalkscheune, organisiert von netzpolitik.org und Spreeblick. Wie sehr Blogs damals als Geschäft wahrgenommen wurden, zeigte im Januar 2009 die Versteigerung von Basic Thinking: Robert Basic bot sein Blog bei eBay an, ein IT-Unternehmer ersteigerte es für 46.902 Euro. In der Szene wurde das teils als Ausverkauf, teils als Ritterschlag gelesen.
In den 2010er-Jahren wanderten Gespräche und Kommentare zu Facebook und Twitter. Wer früher einen Beitrag mit einem eigenen Blogartikel beantwortete, schrieb nun einen Tweet. Als Google am 1. Juli 2013 den Google Reader abschaltete, verloren viele Blogs zudem ihre treuesten Leser, die Feed-Abonnenten. Von Blogsterben war die Rede, und tatsächlich verwaisten zahlreiche Blogs.
Seit Anfang der 2020er-Jahre dreht sich die Richtung. Die Übernahme von Twitter und die Umbenennung in X haben vielen gezeigt, wie schnell eine Plattform ihre Regeln ändert. Newsletter erleben einen Aufschwung, etwa über das 2017 gegründete Substack. Das offene Fediverse rückt näher an Blogs heran: Ein von Automattic entwickeltes ActivityPub-Plugin macht ein WordPress-Blog von Mastodon aus abonnierbar, und die Blog- und Newsletter-Software Ghost unterstützt ActivityPub seit Version 6.0 vom August 2025. Gleichzeitig beantwortet Google seit Ende März 2025 auch in Deutschland viele Fragen direkt in der KI-Übersicht, was reine Erklärtexte unter Druck setzt.
Gründe, die auch 2026 noch tragen
Schreiben als Denkwerkzeug
Der stärkste Grund ist eigennützig. Wer einen Gedanken für andere ausformuliert, merkt, wo er noch unscharf ist. Der Essayist und Investor Paul Graham hat diesen Effekt 2022 in einem viel zitierten Text beschrieben: Wer über ein Thema nie schreibt, hat seine Ideen dazu vermutlich nicht zu Ende gedacht. Ein Blog zwingt zu dieser Klärung in regelmäßigen Abständen und mit dem sanften Druck eines Publikums, auch wenn es anfangs klein ist.
Ein öffentliches Archiv der eigenen Arbeit
Ein Blog ist ein Gedächtnis. Lösungen für ein technisches Problem, Notizen zu einem Buch oder Erfahrungen aus einem Projekt sind nach Jahren noch auffindbar, für einen selbst und für andere. Wer beruflich mit Wissen arbeitet, zeigt damit Expertise belegbar statt behauptet. Ein ausführlicher Artikel sagt mehr über die eigene Arbeitsweise als jede Kurzbiografie, die man aber trotzdem pflegen sollte, wie im Beitrag über die Über-mich-Seite beschrieben.
Kontakte, die man nicht planen kann
Die wertvollsten Folgen eines Blogs kommen oft unerwartet: eine Mail von jemandem mit demselben Spezialproblem, eine Einladung zu einem Vortrag, ein Auftrag. Solche Zufälle setzen voraus, dass die eigenen Gedanken dauerhaft und offen im Netz stehen, unter einer Adresse, die einem selbst gehört.
Unabhängigkeit von Plattformen
Profile auf sozialen Netzwerken sind gemietet. Auch Newsletter-Plattformen sind nicht neutral: Als Substack Ende 2023 wegen rechtsextremer Newsletter in der Kritik stand und an seiner Moderationslinie festhielt, zogen mehrere bekannte Autoren mit ihren Abonnenten weiter. Das ging, weil sie ihre Abonnentenlisten mitnehmen konnten. Ein eigenes Blog auf eigener Domain mit einem RSS-Feed ist die robusteste Form dieser Unabhängigkeit.
Ehrliche Gründe, es zu lassen
- Zeit: Ein guter Beitrag kostet Stunden. Wer dafür regelmäßig keine Zeit hat, produziert eine Ruine mit dem letzten Eintrag von vor drei Jahren.
- Öffentlichkeit: Jede Meinung kann gegen einen verwendet werden, von Arbeitgebern ebenso wie von Trollen. Wer das nicht aushält, sollte es nicht ausprobieren müssen.
- Pflichten: Impressum, Datenschutzerklärung und Bildrechte gelten auch für kleine Blogs, sobald sie sich an ein breites Publikum richten.
- Falsche Erwartungen: Wer mit einem Blog vor allem Geld verdienen will, konkurriert mit Profis, Verlagen und KI-Übersichten. Für Nebeneinnahmen braucht es meist Jahre.
- Nichts zu sagen: Wer nur wiederholen würde, was überall steht, spart sich und anderen Zeit.
Keiner dieser Einwände spricht gegen das Schreiben an sich. Viele erledigen sich, wenn man das Blog als Notizbuch mit offener Tür betrachtet und nicht als Medienunternehmen.
Warum niemand mitliest und was dagegen hilft
Das häufigste Gefühl neuer Blogger ist Leere: Man veröffentlicht, und nichts passiert. Das liegt selten an der Qualität, sondern daran, dass niemand weiß, dass es das Blog gibt. Neue Seiten haben in Suchmaschinen kaum Gewicht, und in sozialen Netzwerken geht ein einzelner Link schnell unter. Was hilft, ist Handarbeit:
- Eine Nische wählen. Ein Blog über alles erreicht niemanden. Ein Blog über die Reparatur alter Nähmaschinen findet seine Leser, weil die nach genau solchen Texten suchen.
- Einen verlässlichen Rhythmus halten. Ob wöchentlich oder monatlich, ist weniger wichtig als die Verlässlichkeit. Abonnenten verzeihen Pausen, aber keine Funkstille ohne Erklärung.
- Andere Blogs verlinken. Die alte Blogkultur lebte davon, dass man aufeinander verwies, widersprach und weiterdachte. Wer andere zitiert und verlinkt, wird von ihnen bemerkt. Eine kleine Liste empfohlener Blogs, früher Blogroll genannt, gehört wieder auf jede Seite.
- Dort kommentieren, wo die Leser schon sind. Ein durchdachter Kommentar unter einem Beitrag in der eigenen Nische bringt mehr als zehn Werbeposts.
- Abo-Wege anbieten. RSS-Feed sichtbar verlinken, eine E-Mail-Benachrichtigung oder einen Newsletter einrichten und das Blog ans Fediverse anbinden. Wie Feeds funktionieren, erklärt der Beitrag über RSS-Feeds.
- Erfahrung statt Zusammenfassung. Texte, die nur ein Mensch mit eigener Erfahrung schreiben kann, ersetzt keine KI-Übersicht: Fehler, die man gemacht hat, Messwerte aus dem eigenen Garten, ein begründetes Urteil.
Blog, Newsletter oder Fediverse: was wofür taugt
| Weg | Stärke | Schwäche |
|---|---|---|
| Eigenes Blog (z. B. WordPress, statische Website) | Volle Kontrolle über Domain, Inhalte und Archiv, gut auffindbar | Leser müssen aktiv vorbeikommen oder abonnieren |
| Substack | Newsletter und bezahlte Abos ohne Technik, Empfehlungsnetzwerk | Plattformabhängigkeit, in der Regel 10 Prozent Gebühr auf bezahlte Abos |
| Ghost | Blog und Newsletter in einem, Open Source, seit 6.0 mit ActivityPub | Gehostete Tarife kosten ab 15 US-Dollar im Monat (Stand August 2025), Selbsthosten erfordert Technikwissen |
| Fediverse-Profil (z. B. Mastodon) | Direkte Gespräche, keine Algorithmen, offene Standards | Kurzformat, Beiträge verschwinden schnell aus dem Blickfeld |
Die Wege schließen sich nicht aus. Bewährt hat sich ein Prinzip, das die IndieWeb-Bewegung POSSE nennt: zuerst auf der eigenen Website veröffentlichen, dann Kopien oder Hinweise auf andere Kanäle verteilen. Das Blog bleibt das Original, Newsletter und Fediverse sind die Zustellung. Wer heute anfängt, sollte deshalb nicht fragen, ob Blogs noch zeitgemäß sind, sondern ob er etwas zu sagen hat, das er in fünf Jahren noch unter eigenem Namen finden will. Wer diese Frage mit Ja beantwortet, für den lohnt sich das Bloggen auch 2026.
Quellen
- netzpolitik.org: re:publica – Leben im Netz (Ankündigung, 10.01.2007)
- eBay Deutschland: 20 Jahre, 20 spannende Angebote (u. a. Basic Thinking)
- Paul Graham: Putting Ideas into Words (Februar 2022)
- Wikipedia: Substack
- TechCrunch: Ghost 6.0 verbindet sich mit dem offenen Social Web (05.08.2025)
- WordPress.org: ActivityPub-Plugin
- Techbook: Googles Übersicht mit KI startet in Deutschland (März 2025)







