In der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2013 schlug eine Bloggerin auf Twitter vor, Erfahrungen mit Alltagssexismus unter einem gemeinsamen Schlagwort zu sammeln. Am nächsten Morgen war #aufschrei das meistgenutzte Thema in Deutschland, wenige Tage später diskutierten die großen Talkshows darüber, im Juni gab es den Grimme Online Award. Dieser Artikel zeichnet nach, wie der Hashtag entstand, welche Zahlen belegt sind, welche Kritik es gab und warum #aufschrei heute oft als deutsche Vorgeschichte von #MeToo gilt. Er stützt sich auf zeitgenössische Berichte und hält sich bei den beteiligten Personen an das, was öffentlich dokumentiert ist.
Die Vorgeschichte: Piratenpartei, Stern-Porträt und eine Hotelbar
Zwei Texte bereiteten den Boden. Mitte Januar 2013 beschrieb die Journalistin Annett Meiritz im Spiegel, wie sie als Berichterstatterin über die Piratenpartei mit frauenfeindlichen Gerüchten und Unterstellungen konfrontiert worden war. Am 24. Januar 2013 erschien dann im Stern ein Porträt des FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle unter dem Titel „Der Herrenwitz“. Die Stern-Korrespondentin Laura Himmelreich, damals 29, schilderte darin eine Begegnung an einer Hotelbar am Rande des traditionellen Dreikönigstreffens der FDP, die rund ein Jahr zurücklag: anzügliche Bemerkungen über ihr Aussehen, darunter eine über ein Dirndl, und einen Handkuss.
Der Artikel löste eine heftige Medienreaktion aus. Die FDP stellte sich hinter ihren Kandidaten, führende Liberale warfen einzelnen Redaktionen Kampagnenjournalismus vor. Eine Emnid-Umfrage für die Bild am Sonntag ergab, dass 90 Prozent der Befragten eine Entschuldigung erwarteten, falls die Vorwürfe zuträfen. Brüderle selbst äußerte sich zunächst nicht.
Eine Nacht im Januar: So entstand der Hashtag
Den unmittelbaren Anstoß gab nicht der Stern-Artikel selbst, sondern ein Tweet der Autorin Nicole von Horst, die eine eigene Belästigungserfahrung beschrieb. Andere Frauen antworteten mit ähnlichen Erlebnissen. Die Medienberaterin und Bloggerin Anne Wizorek (Twitter-Name @marthadear) schlug daraufhin vor, diese Erfahrungen unter einem Hashtag zu bündeln, und brachte #aufschrei ins Spiel. Als Vorbild nannte sie später das britische #shoutingback; sie wollte bewusst einen deutschen Begriff.
Was dann geschah, beschrieb die Deutsche Presse-Agentur am 26. Januar 2013: Bis Freitagmorgen war #aufschrei der meisterwähnte Begriff in Deutschland, Tweets kamen im Sekundentakt, der Hashtag erreichte die Top Ten der weltweiten Trending Topics. Gepostet wurden kurze Berichte über Beleidigungen, Diskriminierung und Übergriffe, oft nur wenige Zeilen lang. Überwiegend schrieben Frauen, aber auch Männer beteiligten sich.
Die belegten Zahlen
Wie viele Tweets es genau waren, hängt vom Zeitraum und der Zählmethode ab. Für die Woche vom 21. bis 27. Januar 2013 werden über 57.000 Tweets mit dem Hashtag genannt, der Stern bezifferte die Verwendungen am 11. Februar 2013 auf mehr als 49.000. In der Talkshow von Günther Jauch hieß es am 27. Januar, mehr als 60.000 Menschen hätten innerhalb weniger Tage über Belästigung und Alltagssexismus berichtet. Für eine deutschsprachige Twitter-Debatte war das 2013 eine außergewöhnliche Größenordnung.
Talkshows, Gegenwind und der „Tugendfuror“
Innerhalb weniger Tage wanderte die Debatte vom Netz ins Fernsehen. Markus Lanz, Maybrit Illner und Günther Jauch widmeten ihr Sendungen. Bei Jauch saßen am Sonntag, dem 27. Januar 2013, unter anderem Anne Wizorek, Alice Schwarzer, der Literaturkritiker Hellmuth Karasek, die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin und Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn. Dass eine Twitter-Nutzerin, die wenige Tage zuvor einen Hashtag vorgeschlagen hatte, in der reichweitenstärksten politischen Talkshow saß, war damals neu.
Die Gegenreaktionen folgten bekannten Mustern. Kritiker sprachen von Hysterie und Hexenjagd, fragten, warum Frauen erst Jahre später über Erlebnisse berichteten, und vermischten den Einzelfall Brüderle mit der viel breiteren Sammlung alltäglicher Erfahrungen. Im März 2013 kritisierte Bundespräsident Joachim Gauck einen „Tugendfuror“ in der Debatte. Ein offener Brief auf der Seite alltagssexismus.de widersprach ihm; am Internationalen Frauentag, dem 8. März, sagte Gauck, Sexismus gebe es im Alltag nach wie vor.
Grimme Online Award 2013: Erstmals für einen Hashtag
Am 21. Juni 2013 erhielt #aufschrei in Köln den Grimme Online Award in der Kategorie Spezial. Es war das erste Mal, dass der Preis an eine Twitter-Kampagne ging. Die Jury begründete die Auszeichnung damit, dass die Sexismus-Debatte erst über Twitter Dynamik gewonnen und danach die übrigen Medien erreicht habe; die Resonanz zeige, wie wirksam soziale Medien für die Meinungsbildung sein können. Ausgezeichnet wurden ausdrücklich alle, die sich an dem Online-Diskurs beteiligt hatten, nicht eine Einzelperson. Im selben Jahrgang gewann unter anderem die Satireseite Der Postillon.
Anne Wizorek verarbeitete die Erfahrung in dem Buch „Weil ein #Aufschrei nicht reicht“, das im September 2014 bei Fischer erschien. Mit Juliane Leopold hatte sie im Januar 2013 außerdem das feministische Gemeinschaftsblog kleinerdrei gegründet, das bis Dezember 2018 lief und seitdem als Archiv online ist.
Von #ausnahmslos bis #MeToo: Was danach kam
Nach den massenhaften Übergriffen in der Kölner Silvesternacht 2015/16 starteten Anne Wizorek, Stefanie Lohaus und weitere Mitstreiterinnen Anfang Januar 2016 die Initiative #ausnahmslos. Sie verband die Forderung nach Schutz vor sexualisierter Gewalt ausdrücklich mit der Absage an Rassismus, weil die Debatte nach Köln schnell in Pauschalurteile über Migranten umzuschlagen drohte.
Im Oktober 2017 folgte die weltweite Welle. Nach Recherchen der New York Times über Vorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein rief die Schauspielerin Alyssa Milano dazu auf, Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen unter #MeToo zu teilen. Den Begriff hatte die US-Aktivistin Tarana Burke bereits 2006 geprägt. Laut Gender-Glossar der Friedrich-Ebert-Stiftung lief #MeToo am 15. Oktober 2017 mit rund 200.000 Tweets, auf Facebook tauchte er binnen 24 Stunden in über 12 Millionen Beiträgen auf.
Deutsche Medien bezeichneten #aufschrei rückblickend als „ältere Schwester“ von #MeToo: inhaltlich verwandt, aber kleiner und weitgehend auf Deutschland beschränkt. Der Unterschied liegt vor allem in den Folgen. #MeToo führte zu Ermittlungen, Rücktritten und Strukturen wie der Themis-Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung in Film, Fernsehen und Theater. #aufschrei dagegen veränderte vor allem den Diskurs. Die damalige Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders, verwies 2018 auf das 2016 verschärfte Sexualstrafrecht, ließ aber offen, ob der Hashtag dazu beigetragen hatte. Laura Himmelreich zog fünf Jahre später die Bilanz, 2013 hätten Talkshows noch darüber gestritten, ob Sexismus überhaupt ein Problem sei; inzwischen sei das weitgehend anerkannt.
Was #aufschrei über die Netzöffentlichkeit von 2013 verrät
Aus heutiger Sicht ist #aufschrei auch ein Dokument einer bestimmten Phase des Netzes. Twitter war 2013 in Deutschland ein vergleichsweise kleines Medium, aber eines, das Journalistinnen, Politiker und Redaktionen intensiv lasen. Genau diese Nähe machte den schnellen Sprung in Zeitungen und Talkshows möglich. Ein Hashtag funktionierte als offenes Archiv: Jede einzelne Erfahrung war unspektakulär, die Masse zeigte das Muster. Wie sich die Plattform seitdem verändert hat und wohin solche Debatten abgewandert sind, beschreibt der Beitrag Warum twittern – und was aus Twitter wurde.
Die Schwächen zeigten sich ebenfalls früh. Spott- und Troll-Tweets mischten sich unter die Berichte, und die Vermischung von Einzelfall und Strukturdebatte schadete der Diskussion: Wer über Brüderle stritt, musste sich nicht mit den Tausenden anonymen Alltagsberichten befassen. Die nüchternste Einordnung lautet deshalb: #aufschrei hat keine Gesetze geschrieben, aber er hat eine Sprache und ein Format geliefert, auf das spätere Bewegungen zurückgreifen konnten. Dass heute fast selbstverständlich über Machtmissbrauch in Redaktionen, Parteien und Theatern berichtet wird, ist ohne diese Vorarbeit schwer vorstellbar.
Wer selbst über einen Bericht in einem Presseerzeugnis streiten möchte, etwa über die Grenzen der Verdachtsberichterstattung, findet im Beitrag zur Beschwerde beim Deutschen Presserat den formalen Weg.
Quellen
- Computerwoche/dpa: Ein Aufschrei geht durchs Netz (26.01.2013)
- evangelisch.de: Günther Jauch und der #aufschrei (28.01.2013)
- evangelisch.de: Grimme Online Award für #aufschrei und „Der Postillon“ (22.06.2013)
- W&V: Grimme Online Award geht erstmals an Twitter-Kampagne
- t-online/dpa: Als ein Aufschrei durch Deutschland ging (23.01.2018)
- Friedrich-Ebert-Stiftung, Gender-Glossar: #MeToo
- Heinrich-Böll-Stiftung: Der Silvesterdiskurs im Überblick (29.01.2016)
- Wikipedia (englisch): Aufschrei







