Ein amerikanisches Schreiben, das nie hätte existieren dürfen, liegt irgendwo in Moskau, und ein Team von Profis soll es zurückholen. Der Brief an den Kreml, im Original The Kremlin Letter, ist ein US-amerikanischer Spionagethriller von John Huston aus dem Jahr 1970. Grundlage ist der gleichnamige Roman von Noel Behn. Huston versammelte eine internationale Besetzung mit Patrick O'Neal, Richard Boone, Max von Sydow, Bibi Andersson, Orson Welles und George Sanders. Der Film kam am 1. Februar 1970 bei 20th Century-Fox heraus und lief am 17. April 1970 in Deutschland an. Er floppte an der Kasse, hat aber später namhafte Bewunderer gefunden. Im März 2016 erschien er bei Alive neu auf DVD.
| Originaltitel | The Kremlin Letter |
|---|---|
| Produktionsland | USA |
| Jahr | 1970 |
| Regie | John Huston |
| Drehbuch | John Huston, Gladys Hill, nach dem Roman von Noel Behn |
| Darsteller | Patrick O'Neal, Richard Boone, Max von Sydow, Bibi Andersson, Orson Welles, George Sanders, Barbara Parkins, Nigel Green, Dean Jagger, Lila Kedrova |
| Laufzeit | 121 Minuten (Kinofassung), DVD ca. 116 Minuten |
| FSK | ab 16 Jahren |
| Kinostart Deutschland | 17. April 1970 |
| Genre | Spionagethriller |
| Bewertungen | IMDb 6,2/10 (Stand: Oktober 2026) |
Ein gefährliches Versprechen und ein Team aus Außenseitern
Ausgangspunkt ist ein Brief, den ein amerikanischer Funktionär ohne Befugnis an die sowjetische Führung geschickt hat. Darin sichert er Moskau Unterstützung zu, falls die Sowjetunion gegen China vorgehen sollte. Gelangt das Schreiben an die Öffentlichkeit, droht ein diplomatisches Desaster. Ein Geheimdienstchef mit dem Decknamen Highwayman, gespielt von Dean Jagger, setzt deshalb eine inoffizielle Operation in Gang.
Den Kern der Truppe bildet Charles Rone (Patrick O'Neal), ein ehemaliger Marineoffizier. Ihm zur Seite stehen der erfahrene Agent Ward (Richard Boone) und eine Reihe zwielichtiger Spezialisten, darunter ein Experte fürs Öffnen von Schlössern, ein kleiner Zuhälter und ein alternder Bühnenkünstler mit Kontakten in die Moskauer Gesellschaft. In Moskau verschafft sich das Team durch Erpressung einen Stützpunkt und verwanzt das Büro des Geheimpolizeichefs Kosnov (Max von Sydow). Damit geraten die Amerikaner mitten in einen Machtkampf zwischen Kosnov und dem Politiker Bresnavitch (Orson Welles). Bibi Andersson spielt Kosnovs Frau Erika, die in dieses Spiel hineingezogen wird. Wer am Ende wen benutzt, sei hier nicht verraten.
Noel Behns Romanvorlage und Hustons Drehbuch
Noel Behn veröffentlichte The Kremlin Letter 1966. Der Autor hatte selbst für das Counterintelligence Corps der US-Armee gearbeitet und kannte die Welt der Abwehrdienste also aus eigener Anschauung. Huston schrieb die Adaption zusammen mit Gladys Hill.
Laut dem Filmsender TCM reizten Huston an der Vorlage vor allem Gewalt, Sex und Drogen, also genau jene Zutaten, die um 1970 im Kino neu und gefragt waren. Später räumte er ein, das Drehbuch sei womöglich zu kompliziert geraten. Huston selbst tritt in einer kleinen Rolle als Admiral auf.
Helsinki als Moskau: Dreharbeiten in vier Ländern
Huston wollte ursprünglich in Moskau drehen, bekam im Kalten Krieg aber keine Genehmigung. Stattdessen musste Helsinki herhalten, dessen klassizistische Architektur der sowjetischen Hauptstadt ähnelt. Geplant waren laut englischsprachiger Wikipedia 17 Drehwochen: 13 davon in Dino De Laurentiis' Studios in Rom, zwei in Helsinki und je eine in Mexiko und New York. Dort entstanden Szenen unter anderem im Central Park Zoo und in Greenwich Village.
Die Kamera führte Edward Scaife, die Musik schrieb Robert Drasnin, den Schnitt übernahm Russell Lloyd. Das Budget lag bei rund 6,1 Millionen Dollar. Fox hätte über zehn Millionen Dollar Verleiheinnahmen gebraucht, um die Kosten einzuspielen, nahm bis Dezember 1970 aber nur rund 3,4 Millionen ein und verbuchte schon im September einen Verlust von fast vier Millionen Dollar.
Verrisse 1970, späte Bewunderer
Bei der Premiere stieß der Film kaum auf Gegenliebe. Vincent Canby von der New York Times hielt ihn für aufgebläht und deprimierend, Variety urteilte zwiespältig: einzelne Szenen gelungen, das Ganze nicht überzeugend. Wohlwollender äußerte sich Sight and Sound, das die Unterhaltung über die Schwächen stellte. Das Lexikon des internationalen Films beschreibt eine verschachtelte Geschichte, ruhig und mit leisem Humor inszeniert. Der Evangelische Filmbeobachter störte sich an der Gewalt, lobte aber Spannung und Schauspiel.
Einen prominenten Fürsprecher fand Huston in Frankreich: Jean-Pierre Melville, Regisseur von Der eiskalte Engel, nannte den Film meisterhaft. Später nahm ihn der Band 100 Greatest Spy Movies (2009) in seine Liste auf.
Die DVD-Ausgabe von 2016
Am 18. März 2016 veröffentlichte Alive den Film in Deutschland auf DVD. Die Ausgabe enthält die deutsche Synchronfassung und den englischen Originalton, jeweils mit Untertiteln, das Bild im Breitwandformat 2,35:1, dazu den Trailer und ein Wendecover. Die Laufzeit von rund 116 Minuten ergibt sich aus der für PAL-Discs üblichen schnelleren Abspielgeschwindigkeit. Die FSK gab die Fassung ab 16 Jahren frei.
Kalter Krieg ohne Helden: warum sich der Film heute lohnt
Wer bei Agentenfilmen der 1960er an James Bond denkt, erlebt hier das Gegenprogramm. Der Brief an den Kreml steht eher in der Tradition illusionsloser Stoffe wie John le Carrés Der Spion, der aus der Kälte kam, geht in seinem Zynismus aber noch weiter. Moral spielt für keine Seite eine Rolle, Loyalität ist eine Ware, und Menschen werden verbraucht wie Werkzeug. Gerade dieser Pessimismus macht den Film heute interessanter als viele polierte Genrebeiträge seiner Zeit.
Die Schwächen sind allerdings real. Die Handlung ist so verschachtelt, dass man beim ersten Sehen leicht den Überblick verliert, und schon 1970 hatten Kritiker den Eindruck, Huston interessiere sich mehr für Spektakel und Schauwerte als für einen straffen Spannungsbogen. Entschädigung bietet das Ensemble: Richard Boone, dessen Darstellung etwa Craig Butler von AllMovie hervorhob, Max von Sydow als Gegenspieler und Orson Welles in einer markanten Nebenrolle. Für Fans des Kalten-Kriegs-Kinos und für alle, die Hustons Werk jenseits von Die Spur des Falken kennenlernen wollen, ist der Film eine lohnende Entdeckung. Wer einen geradlinigen Thriller sucht, sollte anderswo beginnen.
Quellen
- Wikipedia: Der Brief an den Kreml (Besetzung, deutsche Erstaufführung, Kritiken)
- Wikipedia (englisch): The Kremlin Letter (Produktion, Budget, Drehorte)
- TCM: The Kremlin Letter (Hintergrundartikel)
- media-dealer.de: DVD-Daten (Alive, 18.03.2016)
- jpc.de: Der Brief an den Kreml (DVD)
- IMDb: The Kremlin Letter (1970)







