Buyer Personas erstellen: Interviews, Vorlage und typische Fehler

Buyer Personas erstellen: Interviews, Vorlage und typische Fehler

Viele Buyer Personas sehen gleich aus: Stockfoto, Name, Alter 38, verheiratet, liest gern, nutzt LinkedIn. Mit so einem Steckbrief lässt sich keine einzige Entscheidung treffen, weder für eine Landingpage noch für ein Verkaufsgespräch. Brauchbar wird eine Persona erst, wenn sie beantwortet, warum jemand gerade jetzt sucht, was ihn zögern lässt und wie im Unternehmen entschieden wird.

Woher Personas kommen und was dabei verloren ging

Die Methode stammt aus der Softwareentwicklung. Alan Cooper nutzte ab 1983 erste Persona-Prototypen auf Basis informeller Gespräche mit sieben oder acht Nutzern und machte das Verfahren 1999 mit dem Buch „The Inmates Are Running the Asylum“ bekannt. Ziel war, Software für konkrete Menschen mit konkreten Zielen zu entwerfen. Im Marketing wurden daraus oft demografische Collagen. Adele Revella hat 2015 mit ihrem Buch „Buyer Personas“ (Wiley) den Fokus zurück auf das Kaufverhalten gelenkt. Ihr Modell der „5 Rings of Buying Insight“ fragt nach Auslöser (Priority Initiative), erhofftem Ergebnis (Success Factors), Bedenken (Perceived Barriers), Ablauf des Kaufs (Buyer's Journey) und Entscheidungskriterien (Decision Criteria).

Die Kritik an Personas ist ernst zu nehmen: Eine Forschergruppe um Chapman zeigte, dass Beschreibungen mit vielen Merkmalen auf kaum einen echten Menschen zutreffen. Je mehr Hobbys und Lebensdetails, desto fiktiver das Ergebnis.

Welche Art Persona sich für welches Team lohnt

Die Nielsen Norman Group unterscheidet drei Typen. Die Tabelle fasst ihren Vergleich zusammen:

TypDatenbasisAufwandEinsatz
Proto-PersonaWissen und Annahmen des Teams, Workshop von 2 bis 4 Stundengeringals Hypothese, die anschließend geprüft wird
Qualitative PersonaInterviews mit etwa 5 bis 30 Personen, in Runden von rund 5 je Gruppemittelfür die meisten Teams die beste Wahl
Statistische PersonaInterviews plus Umfrage mit mindestens 100, besser 500 Antworten und Clusteranalysehoch, braucht Statistikwissengroße Zielgruppen, wenn Anteile je Persona wichtig sind

Die Empfehlung für B2B-Firmen mit überschaubarer Kundenzahl: Mit einem Proto-Persona-Workshop starten, die Annahmen aufschreiben und dann gezielt mit Interviews widerlegen oder bestätigen. Statistische Personas sind für die meisten Mittelständler überdimensioniert.

Datenquellen, die meist schon im Haus liegen

  • CRM: gewonnene und verlorene Deals der letzten zwölf Monate mit Branche, Firmengröße, beteiligten Rollen, Verkaufsdauer und Verlustgrund.
  • Vertrieb: Gesprächsnotizen, Angebotsunterlagen, häufige Einwände. Eine Stunde mit den zwei besten Verkäufern liefert oft mehr als jede Umfrage.
  • Support: Tickets und wiederkehrende Fragen nach dem Kauf.
  • Website: interne Suchbegriffe, Suchanfragen aus der Google Search Console, meistgelesene Seiten vor einer Anfrage.
  • Ausschreibungen und Lastenhefte: Sie zeigen die Entscheidungskriterien schwarz auf weiß.

Diese Daten zeigen, was passiert. Warum es passiert, erfahren Sie nur im Gespräch.

Interviews: wen fragen, was fragen, was beachten

Revellas wichtigster Rat: Sprechen Sie mit Menschen, die die Kaufentscheidung vor kurzem getroffen haben, und zwar auch mit denen, die sich gegen Sie entschieden haben. Bestandskunden seit zehn Jahren erinnern sich nicht mehr an ihren Auswahlprozess. Für eine qualitative Persona reichen meist fünf bis acht Gespräche je Kundengruppe; wenn neue Interviews kaum noch Neues bringen, ist die Sättigung erreicht. 30 Minuten pro Gespräch genügen.

Leitfragen, die jeweils eine Dimension des Kaufs abdecken:

  1. Was ist passiert, dass Sie sich überhaupt nach einer Lösung umgesehen haben?
  2. Woran hätten Sie nach sechs Monaten gemerkt, dass es die richtige Entscheidung war?
  3. Was hat Sie zögern lassen, und wer im Unternehmen hatte Bedenken?
  4. Wie sind Sie vorgegangen, wer war wann beteiligt, wo haben Sie recherchiert?
  5. Welche zwei oder drei Kriterien haben am Ende den Ausschlag gegeben?

Nachfragen ist wichtiger als der Fragebogen: „Können Sie ein Beispiel nennen?“ bringt die Sätze, die später in Anzeigen und auf Landingpages landen. Wer das Gespräch aufzeichnen will, muss vorher fragen. Die heimliche Aufnahme des nicht öffentlich gesprochenen Wortes ist nach § 201 StGB strafbar, und für die Verarbeitung der Aufnahme gelten die Informationspflichten der DSGVO.

Vorlage: der Persona-Steckbrief auf einer Seite

Das folgende Beispiel ist frei erfunden und zeigt nur, wie konkret die Felder ausgefüllt sein sollten. Es geht um einen Anbieter von Wartungssoftware für Produktionsanlagen:

FeldBeispiel
Rolle und UmfeldLeiterin Instandhaltung, Lebensmittelwerk mit 300 Beschäftigten, Team von 12 Technikern
AuslöserUngeplanter Stillstand einer Abfülllinie, Werksleitung fordert Ursachenanalyse
Erfolg bedeutetWartungen werden nicht mehr vergessen, Ausfallzeiten sinken messbar, Audits ohne Nacharbeit
BedenkenTechniker lehnen Tablet-Erfassung ab; IT fürchtet eine weitere Insellösung
KaufprozessRecherche und Vorauswahl durch sie, Test durch zwei Schichtleiter, Freigabe durch Werksleitung und IT
EntscheidungskriterienBedienung mit Handschuhen, Offline-Fähigkeit, Anbindung an das ERP
Typischer Satz im Interview„Ich brauche keine Dashboards, ich brauche erledigte Wartungen.“
InformationsquellenFachzeitschrift, Kollegen anderer Werke, Herstellerseiten mit Videos

Bewusst fehlen Alter, Familienstand, Hobbys und Foto. Sie erzeugen Klischees statt Erkenntnisse. In echten Steckbriefen sollten die Zitate wörtlich aus Interviews stammen. Wie man diese Formulierungen in Texte überträgt, beschreibt der Beitrag zur Sprache der Zielgruppe.

Sechs Fehler, die Personas wertlos machen

  1. Zu viele Personas. Mehr als drei bis vier kann niemand im Alltag auseinanderhalten. Lieber eine primäre Persona, für die im Zweifel entschieden wird.
  2. Demografie statt Kaufverhalten. Ob jemand 35 oder 50 ist, ändert im B2B selten etwas. Wer mitentscheidet, ändert alles.
  3. Nur der Nutzer, nicht das Einkaufsgremium. Im B2B braucht es oft eine Persona für den Anwender und eine für den Freigebenden.
  4. Personas aus dem KI-Generator. Werkzeuge wie HubSpots kostenloser „Make My Persona“ helfen beim Strukturieren und exportieren als PDF. Neue Erkenntnisse über die eigenen Kunden liefern sie nicht, weil sie nur verarbeiten, was man eingibt.
  5. Kein Einsatz im Alltag. Eine Persona gehört in Redaktionsplan, Gesprächsleitfaden des Vertriebs und Briefing für Agenturen, nicht in einen Ordner. Wie das zwischen den Abteilungen klappt, steht im Beitrag zu Marketing und Vertrieb.
  6. Nie aktualisiert. Einmal im Jahr mit neuen Interviews prüfen, sofort, wenn sich Verlustgründe im CRM häufen.

Fertige Personas sind der Ausgangspunkt für die Marketingstrategie: Kanäle, Botschaften und Inhalte lassen sich dann gegen eine konkrete Frage prüfen, nämlich ob diese Person das sehen, verstehen und glauben würde.

Quellen