Um kaum einen Internetdienst wurde in Deutschland so heftig gestritten wie um Google Street View. 2010 ließen fast eine Viertelmillion Haushalte ihr Haus unkenntlich machen, danach stellte Google die Aufnahmen hierzulande für mehr als ein Jahrzehnt ein. Seit Juli 2023 gibt es wieder aktuelle Bilder, und die alten Verpixelungen gelten nicht mehr. Dieser Artikel erklärt, was damals passierte, was sich 2023 geändert hat, wie Sie heute die Unkenntlichmachung Ihres Hauses bei Google und bei Apple beantragen und wie berechtigt die Rede von der „German Angst“ war. Stand: Oktober 2026, keine Rechtsberatung.
2008 bis 2010: Kamerawagen, WLAN-Panne und Vorab-Widerspruch
Street View startete im Mai 2007 in den USA. In Deutschland fuhren Googles Kamerawagen ab 2008, die ältesten deutschen Panoramen stammten aus den Jahren 2008 und 2009. Schon die Fahrten lösten Proteste von Datenschützern, Kommunen und Politikern aus. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) kritisierte den Dienst als Eingriff in die Privatsphäre.
Im Frühjahr 2010 kam ein handfester Skandal hinzu: Google räumte ein, dass die Kamerawagen nebenbei Daten aus unverschlüsselten WLAN-Netzen aufgezeichnet hatten. Das Unternehmen sprach von einem Softwarefehler und versicherte, die Daten nie ausgewertet zu haben; der damalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar hielt das für eine Schutzbehauptung. Unter diesem Druck bot Google in Deutschland etwas an, das es in keinem anderen Land gab: einen Widerspruch vor der Veröffentlichung. Mieter und Eigentümer konnten verlangen, dass ihr Gebäude von vornherein unkenntlich gemacht wird.
18. November 2010: Start mit 244.237 Widersprüchen
Im Oktober 2010 nannte Google die Zahl: 244.237 Anträge aus den 20 größten deutschen Städten, nach Unternehmensangaben 2,89 Prozent der dortigen Haushalte. Kritiker hielten die Prozentangabe für irreführend, weil bereits ein einziger Widerspruch in einem Mehrfamilienhaus genügte, um die ganze Fassade zu verpixeln. netzpolitik.org schätzte den Anteil betroffener Fassaden auf rund zwölf Prozent.
In der Nacht zum 18. November 2010 ging Street View für Berlin, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart und Wuppertal online, zwei Wochen nach einem Testlauf im Allgäuer Ort Oberstaufen. Für die Bearbeitung hatte Google rund 200 zusätzliche Kräfte eingestellt. Das Ergebnis waren Straßenzüge voller grauer Flecken, teils fehlerhaft: Aus größerer Entfernung war manches verpixelte Haus wieder zu erkennen. Wichtig für Betroffene war damals schon, dass Google die Originalbilder unkenntlich machte. Eine Verpixelung ließ sich nicht rückgängig machen, auch nicht nach einem Eigentümerwechsel.
Stillstand ab 2011: Deutschland als weißer Fleck
Im Frühjahr 2011 erklärte Google, keine neuen Street-View-Bilder für Deutschland zu planen. Die Fahrzeuge sollten künftig nur noch Straßennamen und Verkehrsschilder für Google Maps erfassen. Die Panoramen der 20 Städte blieben online, wurden aber nicht mehr aktualisiert. Außerhalb dieser Städte zeigte die Karte über Jahre fast nur weiße Flecken, ergänzt um Sonderaufnahmen wie die Allianz Arena oder die Elbphilharmonie und um Fotos, die Nutzer selbst hochluden.
Juristisch hatte der Dienst zu diesem Zeitpunkt bereits einen wichtigen Streit gewonnen. Das Kammergericht Berlin wies am 25. Oktober 2010 (Az. 10 W 127/10) den Eilantrag einer Hauseigentümerin ab. Fassadenaufnahmen von der Straße aus seien nicht per se zu beanstanden; offen ließ das Gericht, ob Aufnahmen aus knapp drei Metern Höhe über eine hohe Hecke hinweg das Persönlichkeitsrecht verletzen können. Ein eigenes Gesetz für Panoramadienste, über das 2010 viel diskutiert wurde, kam nie.
Der Neustart 2023: Neue Bilder, alte Pixel gelöscht
Im Juni 2023 kündigte Google die Rückkehr an. Die Fahrzeuge waren bereits 2022 ohne große Ankündigung unterwegs gewesen; von Ende Juni bis Oktober 2023 fuhren sie erneut durch fast alle Landkreise, ergänzt um Mitarbeiter mit Kamerarucksäcken. Am 25. Juli 2023 veröffentlichte Google die ersten neuen Aufnahmen aus dem Jahr 2022 für die 20 größten Städte und zahlreiche weitere Regionen. Gesichter und Kennzeichen werden automatisch verwischt.
Für Hausbesitzer entscheidend: Google entfernte die alten deutschen Panoramen samt ihrer Verpixelungen. Widersprüche aus dem Jahr 2010 gelten nicht mehr. Wer sein Haus auch auf den neuen Bildern unkenntlich haben möchte, muss erneut widersprechen. Seit 2023 fährt Google wieder regelmäßig; welche Regionen gerade erfasst werden, zeigt das Unternehmen auf seiner Street-View-Website.
So lassen Sie Ihr Haus heute verpixeln
Berechtigt sind Eigentümer und Mieter des Gebäudes. Eine Unkenntlichmachung ist dauerhaft; Google schließt das verpixelte Bild nach eigenen Angaben außerdem von der Verwendung in Prompts für generative KI aus.
Wenn die Bilder schon online sind
- Die eigene Adresse in Google Maps suchen und das Street-View-Bild öffnen.
- Unten rechts auf „Problem melden“ klicken und „Mein Zuhause“ wählen.
- Bestätigen, dass Sie zu dem Antrag berechtigt sind.
- Einen Adressnachweis hochladen (PNG, JPG oder PDF, unter 10 MB), etwa eine Rechnung oder einen Kontoauszug, der nicht älter als sechs Monate ist, oder den Mietvertrag. Namen und Kontonummern schwärzen; sichtbar bleiben sollen nur Adresse und Datum. Ausweise und handschriftliche Dokumente akzeptiert Google nicht.
- Die Adresse des Gebäudes eintragen und das Formular absenden. Google meldet sich per E-Mail und löscht die Nachweise nach 60 Tagen.
Vor der Veröffentlichung neuer Aufnahmen
Für Deutschland gibt es weiterhin einen Vorab-Widerspruch: über das Formular unter support.google.com/maps/contact/street_view_de_ppoo, per E-Mail an [email protected] (mit Unterstrich) oder per Post an Google LLC, c/o Google Germany GmbH, Betr. Street View, ABC-Straße 19, 20354 Hamburg. Wird der Widerspruch rechtzeitig bearbeitet, erscheint das Haus von Anfang an verpixelt, sonst wird es nachträglich unkenntlich gemacht. Zuständige Aufsichtsbehörde ist der Hamburgische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit.
Apple Umsehen und die Konkurrenz
Ein Grund für Googles Rückkehr war Apple. Dessen Kamerawagen fahren seit Juli 2019 durch Deutschland. Die Funktion „Umsehen“ (englisch Look Around) startete im April 2022 in München und kam im Mai 2022 nach Frankfurt am Main und Stuttgart; inzwischen ist sie nahezu flächendeckend. 2024 war Apple erneut von April bis Mitte August mit Fahrzeugen unterwegs, in Berlin, Hamburg, München und Potsdam zusätzlich mit Rucksack-Kameras. Zuständig ist das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht.
Widerspruch bei Apple: eine E-Mail an [email protected] mit der Adresse und der Bitte um Unkenntlichmachung, alternativ „Problem melden“ in Apple Karten. Die Verbraucherzentrale stellt dafür einen Mustertext bereit. Bemerkenswert: 2023 hatten nach Medienberichten weniger als 100 Menschen diesen Weg bei Apple genutzt, obwohl Umsehen da schon weite Teile des Landes zeigte.
| Dienst | Verfügbar in Deutschland | Widerspruch |
|---|---|---|
| Google Street View | 20 Städte 2010, bundesweit seit 2023 | „Problem melden“ › „Mein Zuhause“; Vorab per Formular, E-Mail, Post |
| Apple Umsehen | seit 2022, schrittweise ausgebaut | [email protected] oder „Problem melden“ in Karten |
German Angst? Eine nüchterne Bilanz
Im Ausland wurde der deutsche Pixelstreit 2010 gern als Beleg für eine besondere „German Angst“ belächelt. Das greift zu kurz. Die WLAN-Affäre zeigte, dass das Misstrauen nicht aus der Luft gegriffen war, und das Vorab-Widerspruchsrecht war ein echtes Zugeständnis, das Google in keinem anderen Land machte. Andererseits zeigt eine Hausfassade, die jeder Passant sehen kann, wenig Privates; die Bilder sind veraltet, sobald sie online stehen. Dass Apples Widerspruchsangebot kaum genutzt wurde und der Neustart 2023 ohne großen Aufruhr verlief, spricht dafür, dass sich die Gewichte verschoben haben.
Sinnvoll ist ein Widerspruch heute vor allem in konkreten Fällen: bei gefährdeten Personen, bei sichtbaren Sicherheitsdetails wie Kameras oder Zugängen oder wenn Grundstück und Garten aus erhöhter Kameraposition einsehbar sind. Bedenken sollte man die Dauerhaftigkeit, denn verpixelt bleibt verpixelt, auch für spätere Käufer oder Mieter. Wer wissen möchte, wie der Datenfluss beim Einbetten fremder Dienste in die eigene Website aussieht, findet im Artikel über Social-Media-Buttons und Datenschutz ein verwandtes Kapitel deutscher Netzgeschichte.
Quellen
- evangelisch.de/epd: Google Street View gestartet, 20 deutsche Städte im Netz (18.11.2010)
- netzpolitik.org: Street View, 244.000 Löschanträge in Deutschland (21.10.2010)
- netzpolitik.org: Kammergericht Berlin zu Street View (2011)
- Google Blog: Entdeckt Deutschland mit Google Street View (25.07.2023)
- Google Maps-Hilfe: Unkenntlichmachung des eigenen Zuhauses beantragen
- Verbraucherzentrale: Apple Look Around und Google Street View, so widersprechen Sie (Stand 28.08.2025)
- CIO/dpa: Warum die Street-View-Autos von Google wieder fahren (22.06.2023)
- teltarif.de: Zehn Jahre Street View in Deutschland (2020)







