Guter Stil, klare Sprache: 20 Schreibtipps für Webtexte

Guter Stil, klare Sprache: 20 Schreibtipps für Webtexte

Gute Webtexte entstehen nicht durch Talent, sondern durch Handwerk. Die folgenden 20 Regeln betreffen Satzbau, Wortwahl, Gliederung, Leseransprache und Überarbeitung. Zu fast jeder Regel gibt es ein Vorher-Nachher-Beispiel, damit sie sich sofort am eigenen Text ausprobieren lässt. Sie gelten für Blogartikel und Produktseiten ebenso wie für Newsletter oder die eigene Über-mich-Seite.

Warum am Bildschirm andere Regeln gelten

Schon 1997 untersuchte Jakob Nielsen, wie Menschen Webseiten lesen. Das Ergebnis: 79 Prozent der Testpersonen überflogen neue Seiten, nur 16 Prozent lasen Wort für Wort. Eine knappe Fassung desselben Inhalts war 58 Prozent besser nutzbar, eine überfliegbare Gliederung 47 Prozent, sachliche statt werblicher Sprache 27 Prozent; alles zusammen brachte 124 Prozent. 2006 beschrieb die Nielsen Norman Group anhand von Blickverlaufsstudien das F-Muster, bei dem Leser vor allem den Seitenanfang und die Zeilenanfänge erfassen; eine Nachuntersuchung 2017 bestätigte es auch auf Smartphones.

Die deutschsprachige Verständlichkeitsforschung kam zu ähnlichen Kriterien. Das Hamburger Verständlichkeitsmodell von Langer, Schulz von Thun und Tausch aus den 1970er-Jahren nennt vier Dimensionen: Einfachheit, Gliederung, Kürze und anregende Zusätze. Seit Juni 2023 gibt es mit ISO 24495-1 sogar eine internationale Norm für einfache, klare Sprache.

Sätze bauen, die beim ersten Lesen sitzen

1. Ein Gedanke pro Satz. Wer zwei Aussagen in einen Satz packt, zwingt Leser zum Sortieren. Vorher: Das Update, das wir nach langer Testphase freigegeben haben, behebt mehrere Fehler und ist ab sofort verfügbar. Nachher: Das Update ist ab sofort verfügbar. Es behebt mehrere Fehler.

2. Die Satzklammer kurz halten. Im Deutschen rückt der zweite Teil des Verbs oft ans Satzende. Je mehr dazwischen steht, desto länger hängt der Leser in der Luft. Vorher: Wir werden die neue Version, die vor allem den Export verbessert, im März veröffentlichen. Nachher: Die neue Version erscheint im März und verbessert vor allem den Export.

3. Satzlängen mischen. Lauter Kurzsätze klingen abgehackt, lauter lange ermüden. Eine brauchbare Faustregel: Sätze über 25 Wörter noch einmal prüfen. Ein kurzer Satz nach einem langen setzt einen Akzent.

4. Aktiv statt Passiv. Das Passiv versteckt, wer handelt. Vorher: Es wurde beschlossen, die Gebühren anzuheben. Nachher: Der Vorstand hat beschlossen, die Gebühren anzuheben. Passiv bleibt sinnvoll, wenn der Handelnde wirklich egal ist: Das Museum wurde 1902 eröffnet.

5. Schachtelsätze auflösen. Ein Nebensatz im Nebensatz überfordert fast jeden Leser am Bildschirm. Ziehen Sie eingeschobene Gedanken in einen eigenen Satz heraus.

6. Bejahen statt doppelt verneinen. Vorher: Es ist nicht auszuschließen, dass der Termin nicht gehalten wird. Nachher: Der Termin könnte sich verschieben.

Wörter wählen: Verben, konkrete Begriffe, wenig Ballast

7. Verben statt Nominalstil. Substantive auf -ung, -heit und -keit machen Texte schwer und verbergen, wer was tut. Vorher: Die Durchführung der Überprüfung der Daten erfolgt durch die IT-Abteilung. Nachher: Die IT-Abteilung prüft die Daten. In Überschriften und Stichpunkten darf der Nominalstil bleiben, dort spart er Platz.

8. Streckverben kürzen. Aus in Erwägung ziehen wird erwägen, aus zur Anwendung bringen wird anwenden, aus eine Entscheidung treffen wird entscheiden.

9. Füllwörter streichen. Eigentlich, durchaus, quasi, gewissermaßen, irgendwie, natürlich: Lesen Sie den Satz ohne das Wort. Ändert sich der Sinn nicht, kann es weg. Vorher: Das ist eigentlich durchaus eine gute Lösung. Nachher: Das ist eine gute Lösung.

10. Konkret statt vage. Vorher: Wir melden uns zeitnah, zahlreiche Kunden nutzen den Dienst bereits. Nachher: Wir melden uns bis Freitag. Rund 4.000 Kunden nutzen den Dienst. Zahlen, Namen und Daten machen Aussagen überprüfbar.

11. Fachwörter erklären oder ersetzen. Jargon ist nur dann ein Problem, wenn die Leser ihn nicht teilen. Erklären Sie einen Fachbegriff beim ersten Auftreten in einem Halbsatz, oder nehmen Sie das deutsche Alltagswort, wenn es genauso präzise ist.

Texte gliedern, damit man sie überfliegen kann

12. Das Wichtigste zuerst. Journalisten nennen das umgekehrte Pyramide: Kernaussage oben, Details und Hintergrund danach. Wer nach zwei Absätzen aufhört, soll trotzdem das Wesentliche wissen.

13. Kurze Absätze. Ein Absatz behandelt einen Gedanken, meist in drei bis fünf Sätzen. Auf dem Smartphone wird schon ein Block von acht Zeilen am Rechner zur Textwand.

14. Aussagekräftige Zwischenüberschriften. Vorher: Allgemeines. Nachher: So kündigen Sie den Vertrag. Die Nielsen Norman Group empfiehlt, Überschriften mit den informativsten Wörtern zu beginnen, weil Leser beim Überfliegen oft nur den Anfang einer Zeile wahrnehmen. Dasselbe gilt für Menüpunkte, mehr dazu im Beitrag zur Gestaltung der Website-Navigation.

15. Listen für Aufzählungen und Abläufe. Drei und mehr gleichrangige Punkte gehören in eine Liste, Arbeitsschritte in eine nummerierte. Jeder Listenpunkt beginnt mit demselben Satzmuster.

16. Links beschreiben, Hervorhebungen sparen. Vorher: Die Preisliste finden Sie hier. Nachher: Preisliste als PDF (2 MB) als Linktext. Fettdruck nur für Begriffe, die beim Überfliegen auffallen sollen; wer jeden zweiten Satz hervorhebt, hebt nichts hervor.

Leser ernst nehmen und gründlich überarbeiten

17. Für eine bestimmte Person schreiben. Stellen Sie sich einen konkreten Leser vor: Was weiß er schon, was will er erledigen? Entscheiden Sie sich einmal für Siezen oder Duzen und bleiben Sie dabei, auch in Formularen und Fehlermeldungen.

18. Nutzen zeigen statt Eigenlob. Vorher: Unser innovatives Tool revolutioniert Ihr Projektmanagement. Nachher: Das Tool zeigt auf einer Seite, welche Aufgabe bis wann fällig ist. Sachliche Sprache war schon in Nielsens Test messbar wirksamer als Werbesprache.

19. Abstand gewinnen, dann laut lesen. Lassen Sie einen Text mindestens eine Nacht liegen. Lesen Sie ihn danach laut oder lassen Sie ihn sich von der Vorlesefunktion des Browsers vorlesen. Stellen, an denen Sie stolpern oder Luft holen müssen, sind Kandidaten für die Überarbeitung.

20. In Durchgängen überarbeiten. Erst den Inhalt prüfen (fehlt etwas, ist etwas überflüssig?), dann die Reihenfolge, dann die Sätze, zuletzt Wörter und Rechtschreibung. Wer alles in einem Durchgang erledigen will, korrigiert Kommas in Absätzen, die später ohnehin gestrichen werden. Rechtschreibprüfungen wie LanguageTool oder der Duden-Mentor fangen Tippfehler ab; Lesbarkeitswerte wie der Flesch-Index sind höchstens ein grober Hinweis.

Was sich seit den Schreibratgebern der 2000er geändert hat

Die Regeln selbst sind alt, die Bedingungen nicht. Der größte Teil der Leser kommt heute über das Smartphone, was kurze Absätze und klare Überschriften noch wichtiger macht. Barrierefreiheit ist hinzugekommen: Die Richtlinien WCAG 2.2 empfehlen in Kriterium 3.1.5 auf höchster Stufe, für Texte, die mehr als das Leseniveau der Sekundarstufe I verlangen, eine leichter verständliche Ergänzung anzubieten. Und Google fragt in seinem Leitfaden für hilfreiche Inhalte ausdrücklich, ob ein Text Rechtschreib- oder Stilfehler enthält und ob die Überschrift den Inhalt treffend zusammenfasst.

Neu ist auch die Flut maschinell erzeugter Texte. Sie sind grammatisch meist fehlerfrei, aber voller Floskeln, vager Mengenangaben und Absätze, die nichts behaupten. Genau hier setzen die Regeln 7, 9 und 10 an. Ein Text mit konkreten Zahlen, aktiven Verben und einem erkennbaren Standpunkt hebt sich davon ab. Das ist die ehrliche Bilanz: Kein Werkzeug ersetzt die Frage, ob jeder Satz dem Leser etwas bringt. Wer sie bei jedem Satz stellt, braucht die übrigen 19 Regeln irgendwann kaum noch.

Quellen