Wo die wilden Kerle wohnen

Wo die wilden Kerle wohnen (Originaltitel: Where the Wild Things Are) ist ein US-amerikanischer Fantasyfilm aus dem Jahr 2009. Regie führte Spike Jonze, bekannt durch Filme wie Being John Malkovich und Adaptation. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bilderbuch von Maurice Sendak aus dem Jahr 1963. Das Buch zählt zu den meistverkauften Kinderbüchern aller Zeiten – weltweit über 19 Millionen Exemplare. Die Verfilmung wurde von Warner Bros., Legendary Pictures und Village Roadshow Pictures produziert. Das Drehbuch schrieben Spike Jonze und der Schriftsteller Dave Eggers. Sendak selbst wirkte als Produzent mit. In den USA startete der Film am 16. Oktober 2009, in Deutschland am 17. Dezember 2009. Das Budget lag bei geschätzten 100 Millionen US-Dollar. Weltweit spielte der Film rund 100 Millionen Dollar ein.

Worum es in dem Film geht

Der neunjährige Max hat es nicht leicht. Sein Vater hat die Familie verlassen. Seine ältere Schwester Claire verbringt ihre Zeit nur noch mit Freunden. Und seine Mutter (gespielt von Catherine Keener) ist überfordert mit Job und Alltag. Als sie dann noch einen neuen Freund (gespielt von Mark Ruffalo) mit nach Hause bringt, rastet Max aus. Er schlüpft in sein Wolfskostüm, tobt durch das Haus und beißt seine Mutter in die Schulter.

Voller Wut und Schuldgefühle flieht Max in die kalte Nacht. Er findet ein kleines Segelboot und fährt mehrere Tage über das Meer. Schließlich erreicht er eine geheimnisvolle Insel. Dort trifft er auf die wilden Kerle – riesige, zottelige Kreaturen, die auf den ersten Blick furchteinflößend wirken. Aber Max, in seinem Wolfsanzug, passt perfekt zu ihnen.

Er behauptet, ein mächtiger König zu sein. Die wilden Kerle sind beeindruckt und krönen Max zu ihrem König. Er verspricht ihnen ein Reich, in dem alle glücklich sind. Gemeinsam bauen sie eine riesige Festung und toben wild herum.

Doch bald merkt Max, dass das Regieren gar nicht so einfach ist. Die wilden Kerle streiten sich. Ihre Gefühle sind chaotisch und unberechenbar. Und Max beginnt, seine Mutter zu vermissen. Am Ende verlässt er die Insel und kehrt nach Hause zurück. Dort wartet seine Mutter auf ihn – und sein Abendessen ist noch warm.

Wer vor und hinter der Kamera stand

Die Hauptrolle des Max übernahm der damals unbekannte Kinderdarsteller Max Records. Sein echter Name ist also zufällig fast derselbe wie der seiner Figur.

Die wilden Kerle wurden durch eine Mischung aus Kostümen und Computertechnik zum Leben erweckt. Australische Schauspieler trugen die riesigen Ganzkörperkostüme, die von Jim Hensons Creature Shop gebaut wurden. Die Gesichter der Kreaturen wurden anschließend am Computer animiert. Gesprochen wurden die Figuren von bekannten Hollywood-Schauspielern:

FigurStimme
CarolJames Gandolfini
KWLauren Ambrose
IraForest Whitaker
JudithCatherine O’Hara
AlexanderPaul Dano
DouglasChris Cooper
The BullMichael Berry Jr.

Catherine Keener spielte die Mutter von Max. Mark Ruffalo hatte einen kurzen Auftritt als ihr neuer Freund. Unter den Produzenten waren neben Sendak auch Tom Hanks und Gary Goetzman.

Die Kamera führte Lance Acord, der bereits bei Being John Malkovich und Adaptation mit Jonze zusammengearbeitet hatte. Die Filmmusik stammt von Karen O (Sängerin der Band Yeah Yeah Yeahs) und Carter Burwell.

Das Kinderbuch als Fundament

Maurice Sendaks Bilderbuch ist nur 40 Seiten lang. Der Text besteht aus gerade mal 338 Wörtern im englischen Original. Die Geschichte ist simpel: Max wird ohne Abendessen ins Bett geschickt. Sein Zimmer verwandelt sich in einen Dschungel. Er segelt zu einer Insel mit Monstern, wird ihr König, tobt mit ihnen – und kehrt dann nach Hause zurück, wo sein Essen noch warm ist.

Als das Buch 1963 erschien, gab es heftige Kritik. Manche fanden es zu brutal für Kinder. Sogar der bekannte Kinderpsychologe Bruno Bettelheim warnte davor. Aber Kinder liebten es. Heute gilt es als eines der besten Bilderbücher aller Zeiten. Es gewann 1964 die Caldecott Medal, die höchste Auszeichnung für Kinderbuchillustration in den USA.

Sendak ließ sich für die Monster von seinen Verwandten inspirieren. Als Kind empfand er die Besuche seiner Onkel und Tanten als beängstigend. Sie hatten „irre Gesichter, wilde Augen und große, gelbe Zähne„, wie er später erzählte. Diese Familienmitglieder waren jüdische Einwanderer aus Polen. Ein Großteil ihrer Verwandten wurde im Holocaust ermordet.

Ein Film, der fast gescheitert wäre

Die Entstehung des Films war alles andere als glatt. Die Produktion begann Mitte der 2000er Jahre. Die Dreharbeiten fanden 2006 in Australien statt, hauptsächlich in der Nähe von Melbourne und an verschiedenen Küsten- und Wüstenlandschaften.

Schon früh gab es Probleme. Als die Kostüme von Jim Hensons Creature Shop im Juli 2006 in Melbourne eintrafen, stellte sich heraus, dass die Köpfe viel zu schwer waren – rund 25 Kilogramm pro Stück. Die Schauspieler konnten kaum geradeaus laufen. Die mechanischen Augen mussten komplett entfernt werden. Alle Gesichtsausdrücke sollten stattdessen in der Nachbearbeitung am Computer erstellt werden.

Dann kam der Autorenstreik in Hollywood 2007/2008, der die Produktion weiter verzögerte. Und es gab Konflikte mit Warner Bros. Die Studiobosse waren unzufrieden mit dem, was Jonze abgeliefert hatte. Bei einer Testvorführung reagierten manche Eltern besorgt. Der Film sei zu dunkel und zu unheimlich für kleine Kinder. Warner wollte den Film kommerzieller gestalten – möglicherweise sogar komplett neu drehen.

Es gab Gerüchte, Jonze wolle seinen Namen vom Projekt entfernen. Der Jungdarsteller Max Records sei den Studiovertretern nicht sympathisch genug. Der Ton des Films sei zu düster und verstörend.

Spike Jonze kämpfte für seine Vision. In einem Interview mit dem Rolling Stone sagte er: „Ich habe das Projekt nie als Kinderfilm gesehen. Ich wollte erzählen, wie es sich anfühlt, ein Kind zu sein.“ Er erinnerte sich an seine eigene Kindheit – nicht an niedliche Momente, sondern an „Urängste, Kontrollverlust und ständige Verwirrung.“

Am Ende setzte sich Jonze durch. Warner akzeptierte den Film. Ob das Studio seine Motive verstand oder einfach zermürbt war, ließ Jonze offen.

Die wilden Kerle als Spiegel von Max

Was den Film besonders macht: Die wilden Kerle sind keine zufälligen Monster. Jede Kreatur spiegelt einen Teil von Max‘ Persönlichkeit wider.

  • Carol (James Gandolfini) ist der emotionalste aller Kerle. Er ist impulsiv, kreativ, aber auch schnell wütend. Er verkörpert Max‘ aufgestaute Frustration und seine Sehnsucht nach Liebe.
  • KW (Lauren Ambrose) steht für das Bedürfnis nach Geborgenheit und Mütterlichkeit, das Max von seiner echten Mutter vermisst.
  • Judith (Catherine O’Hara) ist laut und direkt. Sie repräsentiert Max‘ Trotz und Eigensinn.
  • Alexander (Paul Dano) ist schüchtern und wird oft übersehen. Er steht für Max‘ Wunsch, gehört zu werden.
  • Ira (Forest Whitaker) ist sanft und nachdenklich – die kreative, künstlerische Seite von Max.

So gesehen ist Max‘ Reise zur Insel eine Reise in sein eigenes Inneres. Und seine Rückkehr nach Hause zeigt, dass er etwas über sich selbst gelernt hat.

Wie sah der Film technisch aus?

Die Spezialeffekte waren eine Mischung aus praktischen Kostümen und digitaler Nachbearbeitung. Die Firma Framestore in London übernahm die Gesichtsanimation der wilden Kerle. Jede Figur hatte ein eigenes Team aus Animatoren.

Die Kostüme wogen zwischen 27 und 32 Kilogramm. Die Köpfe allein brachten 6 bis 7 Kilogramm auf die Waage. Die Schauspieler trugen spezielle Rucksack-Konstruktionen, die das Gewicht auf die Hüften verteilten. Zwischen Körper und Kostüm zirkulierte Luft, um Überhitzung zu vermeiden.

Die Kameraarbeit war bewusst handgehalten und wackelig. Spike Jonze wollte damit das Gefühl von Unmittelbarkeit erzeugen. Keine perfekten Bilder aus dem Studio, sondern rohe, spontane Aufnahmen – fast wie bei einem Dokumentarfilm. Die Landschaften Australiens – Wälder, Wüsten, Strände und Felsenküsten – lieferten die passenden Kulissen.

Was die Kritiker schrieben

Die Kritiken waren überwiegend positiv, aber gespalten.

Das Lexikon des internationalen Films nannte ihn einen „sensibel-melancholischen Kinderfilm, der mit ausdrucksstarken Bildern Maurice Sendaks Bilderbuch-Klassiker umsetzt.“

Filmstarts.de vergab 4,5 von 5 Sternen. Kritiker Sascha Westphal lobte, wie Max‘ Angst, „alle Menschen zu verlieren, die ihm etwas bedeuten„, sich in der Erzählung widerspiegelt.

Die Zeitschrift Hörzu schrieb: „Für Kinder ein Monsterspaß. Die surrealen Bilder und die schwermütigen Untertöne berühren vor allem Erwachsene.“

Bei IMDb hat der Film eine Bewertung von 6,7 von 10 bei über 111.000 Stimmen. Der Metascore liegt bei 71 von 100. Der Film erhielt insgesamt 7 Auszeichnungen und 54 Nominierungen.

Manche Kritiker monierten, dass dem Film eine klassische Dramaturgie fehle. Es passiere wenig. Der Film lebe eher von Stimmung und Figuren als von einer großen Handlung. Andere sahen genau darin seine Stärke: Er funktioniert nicht nach den üblichen Formeln, sondern traut Kindern und Erwachsenen mehr zu.

An der Kasse – Gewinn oder Verlust?

Bei einem Budget von 100 Millionen Dollar spielte der Film weltweit nur rund 100 Millionen Dollar ein. Das war für Warner Bros. eine Enttäuschung. Am Eröffnungswochenende in den USA kamen 32,7 Millionen Dollar rein. Insgesamt blieb der Film in den USA bei 77 Millionen.

Der Film war also kein kommerzieller Erfolg. Er erreichte aber eine treue Fangemeinde und wird heute als Kultfilm geschätzt. Viele sehen ihn als einen der ehrlichsten Filme über das Kindsein überhaupt.

Was der Film über das Kindsein erzählt

Im Kern geht es in Wo die wilden Kerle wohnen nicht um Monster auf einer Insel. Es geht um Emotionen, die jedes Kind kennt: Wut, Einsamkeit, Angst, das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Und um die Erkenntnis, dass die Welt der Fantasie zwar aufregend ist – aber Zuhause der Ort ist, wo jemand auf einen wartet.

Spike Jonze machte keinen Film für Kinder im üblichen Sinne. Er machte einen Film über Kinder. Einen Film, der Erwachsene daran erinnert, wie es sich anfühlt, neun Jahre alt zu sein. Und das macht ihn besonders.

Quellen

  1. Wikipedia – Wo die wilden Kerle wohnen (Film)
  2. Filmstarts.de – Wo die wilden Kerle wohnen: Kritik
  3. Kino-Zeit.de – Wo die wilden Kerle wohnen: Filmkritik
  4. Moviepilot.de – Wo die wilden Kerle wohnen
  5. Der Spiegel – Maurice Sendak ist tot