Under the Tree (isländisch: Undir trénu) ist ein isländischer Spielfilm aus dem Jahr 2017. Regie führte Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, der auch am Drehbuch mitschrieb. Der Film wird als schwarze Komödie und Drama eingestuft. Er erzählt von einem Nachbarschaftsstreit in einem Vorort von Reykjavík, der wegen eines Baumes beginnt und immer weiter eskaliert. Parallel dazu läuft die Geschichte eines jungen Ehepaars, das sich trennt. Der Film feierte seine Weltpremiere am 31. August 2017 bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig in der Sektion Orizzonti. Island reichte ihn als offiziellen Beitrag für den Oscar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film bei der 90. Verleihung der Academy Awards ein. Eine Nominierung erhielt er jedoch nicht. In Deutschland kam der Film am 16. Mai 2019 über den Farbfilm Verleih in die Kinos. Die FSK gab ihn ab 12 Jahren frei. Mit einer Laufzeit von nur 89 Minuten ist er ein kompakter, aber intensiver Film.
| Originaltitel | Undir trénu |
| Produktionsland | Island, Dänemark, Polen, Deutschland |
| Erscheinungsjahr | 2017 |
| Regie | Hafsteinn Gunnar Sigurðsson |
| Drehbuch | Hafsteinn Gunnar Sigurðsson, Huldar Breiðfjörð |
| Kamera | Monika Lenczewska |
| Musik | Daníel Bjarnason |
| Schnitt | Kristján Loðmfjörð |
| Laufzeit | 89 Minuten |
| Sprache | Isländisch |
| FSK | ab 12 |
| Kinostart Deutschland | 16. Mai 2019 |
Worum es in dem Film geht
Am Rand von Reykjavík leben zwei Ehepaare Tür an Tür in identischen Reihenhäusern. Das ältere Paar Inga und Baldvin besitzt einen großen, alten Baum im Garten. Dieser Baum wirft einen langen Schatten auf die Terrasse der Nachbarn Konrad und seiner jüngeren zweiten Frau Eybjörg. Eybjörg möchte sich gerne sonnen. Der Schatten stört sie. Konrad bittet höflich darum, den Baum zu stutzen. Baldvin wäre eigentlich offen dafür. Aber Inga lehnt kategorisch ab. Sie verachtet Eybjörg und nennt sie abfällig eine „Fahrradschlampe“.
Gleichzeitig wird eine zweite Geschichte erzählt. Atli, der erwachsene Sohn von Inga und Baldvin, wird von seiner Frau Agnes vor die Tür gesetzt. Der Grund: Agnes hat ihn dabei erwischt, wie er sich ein selbstgedrehtes Sexvideo ansieht, in dem er mit seiner Ex-Freundin zu sehen ist. Agnes hält ihn für untreu. Sie wechselt die Türschlösser und verbietet ihm den Kontakt zur gemeinsamen Tochter Ása. Atli zieht zurück zu seinen Eltern. Dort steckt er nun mitten im Nachbarschaftskrieg.
Der Streit um den Baum eskaliert Schritt für Schritt. Erst gibt es verbale Sticheleien. Dann werden Autoreifen zerstochen. Merkwürdige Gartenzwerge mit heruntergelassenen Hosen tauchen auf. Ingas Katze verschwindet. Daraufhin verschwindet der Hund der Nachbarn. Überwachungskameras werden installiert. Konrad kauft eine Kettensäge. Baldvin lässt Atli in einem Zelt im Garten schlafen, um den Baum zu bewachen. Was als lächerlicher Kleinkrieg beginnt, endet in Gewalt und Tragödie.
Hinter all dem steckt noch ein weiteres Familiengeheimnis. Inga und Baldvins älterer Sohn Uggi ist vor einiger Zeit verschwunden. Die meisten gehen davon aus, dass er Selbstmord begangen hat. Sein altes Auto steht noch in der Einfahrt. Inga weigert sich, seinen Tod zu akzeptieren. Diese unverarbeitete Trauer treibt ihr Verhalten an und macht sie zu einer der unberechenbarsten Figuren des Films.
Wer vor der Kamera steht
Die Besetzung des Films besteht aus bekannten isländischen Schauspielern:
| Rolle | Darsteller |
|---|---|
| Atli | Steinþór Hróar Steinþórsson |
| Inga | Edda Björgvinsdóttir |
| Baldvin | Sigurður Sigurjónsson |
| Konrad | Þorsteinn Bachmann |
| Eybjörg | Selma Björnsdóttir |
| Agnes | Lára Jóhanna Jónsdóttir |
| Rakel | Dóra Jóhannsdóttir |
| Ása | Sigrídur Sigurpálsdóttir Scheving |
Besonders hervorgehoben wurde die Leistung von Edda Björgvinsdóttir als Inga. Kritiker beschrieben ihre Darstellung als kühl, intensiv und balancierend zwischen katatonisch und psychotisch. Auch Sigurður Sigurjónsson als der zurückhaltende Baldvin und Steinþór Hróar Steinþórsson als der etwas unbeholfene Atli erhielten Lob.
Der Regisseur hinter dem Film
Hafsteinn Gunnar Sigurðsson wurde 1978 in Reykjavík geboren. Er studierte Film an der Columbia University in New York. Sein Spielfilmdebüt Either Way (isländisch: Á annan veg) von 2011 wurde international auf Festivals gezeigt. Später entstand daraus das US-Remake Prince Avalanche mit Paul Rudd und Emile Hirsch, inszeniert von David Gordon Green. Sigurðssons zweiter Spielfilm Paris of the North (2014) lief im Wettbewerb des Filmfestivals Karlovy Vary. 2012 wählte das Branchenmagazin Variety ihn unter die „Ten European Directors to Watch„.
Under the Tree ist sein dritter Spielfilm. Das Drehbuch schrieb er gemeinsam mit Huldar Breiðfjörð, der auch die zugrundeliegende Geschichte lieferte. Nach Under the Tree drehte Sigurðsson die Dokumentation Last Call (2018) sowie den englischsprachigen Film Northern Comfort (2023) mit Timothy Spall. Er schuf außerdem die isländische TV-Serie Balls (2023).
Wie der Film produziert wurde
Under the Tree ist eine internationale Koproduktion zwischen Island, Dänemark, Polen und Deutschland. Die beteiligten Produktionsfirmen sind:
- Netop Films (Island) – federführend
- Profile Pictures (Dänemark)
- Madants (Polen)
- One Two Films (Deutschland)
Gefördert wurde der Film unter anderem vom Icelandic Film Centre, dem Danish Film Institute, dem Polish Film Institute, Eurimages, dem Nordisk Film+TV Fund, dem isländischen Sender RÚV und dem deutsch-französischen Sender ZDF/arte. Den internationalen Vertrieb übernahm New Europe Film Sales aus Warschau.
Die Kameraarbeit stammt von der polnischen Kamerafrau Monika Lenczewska. Sie wählte eine bewusst gedämpfte, fast ausgewaschene Farbpalette. Das nördliche Licht Islands wird so zum visuellen Spiegel der emotionalen Kälte der Figuren. Gedreht wurde im Breitwandformat (2.35:1).
Die Filmmusik komponierte Daníel Bjarnason, ein renommierter isländischer Komponist. Er setzte auf sparsame, spröde Klavierklänge – oft mit gedämpften Saiten – und zurückhaltende Perkussion. Ergänzt wird der Score durch Stücke von Bach und Rachmaninoff. Die Musik setzt von Anfang an einen unbehaglichen Ton, der klar macht: Das hier ist keine gewöhnliche Komödie.
Wo der Film gezeigt wurde und was er gewann
Die Weltpremiere fand am 31. August 2017 bei den 74. Internationalen Filmfestspielen von Venedig statt, in der Sektion Orizzonti (Horizonte). Wenig später wurde er beim Toronto International Film Festival 2017 in der Reihe Contemporary World Cinema gezeigt.
Vollständige Liste der wichtigsten Festivalstationen
- Filmfestspiele von Venedig (Orizzonti), August 2017
- Toronto International Film Festival, September 2017
- Fantastic Fest Austin, September 2017
- Zurich Film Festival, September/Oktober 2017
- Skip City International D-Cinema Festival, Japan, 2018
Bei den Edda Awards 2018 – dem wichtigsten isländischen Film- und Fernsehpreis – räumte Under the Tree sieben Auszeichnungen ab:
| Kategorie | Gewinner |
|---|---|
| Bester Film | Netop Films |
| Beste Regie | Hafsteinn Gunnar Sigurðsson |
| Bestes Drehbuch | Huldar Breiðfjörð, Hafsteinn Gunnar Sigurðsson |
| Beste Hauptdarstellerin | Edda Björgvinsdóttir |
| Bester Hauptdarsteller | Steinþór Hróar Steinþórsson |
| Bester Nebendarsteller | Sigurður Sigurjónsson |
| Beste visuelle Effekte | The Gentlemen Broncos |
Weitere internationale Auszeichnungen:
- Best Director beim Fantastic Fest Austin
- Best International Feature beim Zurich Film Festival
- Beste Regie beim Skip City International D-Cinema Festival in Japan
- Harpa Nordic Film Composers Award für die Filmmusik von Daníel Bjarnason
Island wählte den Film als offiziellen Beitrag für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film bei der 90. Verleihung. Er schaffte es aber nicht auf die Shortlist der Nominierungen.
Was die Kritiker geschrieben haben
Der Film wurde international überwiegend positiv aufgenommen. Auf dem Bewertungsportal Rotten Tomatoes hält er eine Zustimmungsrate von 84 % bei 25 Kritiken, mit einem Durchschnittswert von 7,2/10. Auf Metacritic erreicht er 75 von 100 Punkten auf Basis von 12 Rezensionen – das entspricht „überwiegend positiven Kritiken„.
Die Zeitschrift Variety lobte den „unvergesslich bissigen“ dritten Film des Regisseurs. Schwarze Komödie gehe fast unmerklich in „fassungslose, viszerale Tragödie“ über – „wie ein Lachen, das im Hals stecken bleibt und als Würgen herauskommt“. Der Hollywood Reporter hob die „emotionale Tiefe“ hervor, die man bei einem Nachbarschaftsfilm so nicht erwarte. Jede Figur sei „ein problematisches Individuum, dessen Dummheit erst in Drama und dann in Tragödie eskaliert“.
In Deutschland schrieb epd Film, es handle sich um einen „kühlen Nachbarschaftsthriller“, dem allerdings etwas Empathie für seine Figuren fehle. Die Programmkino-Kritikerin Gaby Sikorski betonte, der Film zeige „das extreme Bild einer bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft, in der ein Anstupser genügt, damit hinter der kultivierten Maske das Tier sichtbar wird“. Die Webseite film-rezensionen.de vergab 7 von 10 Punkten und beschrieb den Film als merkwürdig schwankend zwischen Drama und schwarzer Komödie – mal hart an der Realität, dann wieder absurd daran vorbei.
Viele Zuschauer diskutierten darüber, ob der Film überhaupt eine Komödie sei. Der isländische Begriff Gálgahúmor (Galgenhumor) beschreibt die Art von Humor, die hier zum Einsatz kommt. Es ist ein trockener, finsterer Witz, der international nicht immer verstanden wird. Manche Zuschauer fanden den Film schlicht verstörend.
Zwischen Lachen und Erschrecken – der Ton des Films
Was Under the Tree von anderen Nachbarschaftsfilmen unterscheidet, ist sein Tonwechsel. Am Anfang gibt es durchaus komische Momente. Die Szene, in der Atli beim Pornogucken erwischt wird, ist fast wie eine Sitcom aufgebaut – inklusive eines Bildschirms, den er übersieht. Aber schon Sekunden später kippt die Stimmung ins Ernste.
Im Kern geht es um Kommunikation, die scheitert. Oder besser: um Menschen, die gar nicht erst versuchen, miteinander zu reden. Die Männer wären zu Kompromissen bereit. Aber die Frauen – Inga, Agnes, selbst Eybjörg – treiben die Konflikte voran. Das ist kein einfaches Geschlechterbild. Hinter dem zerstörerischen Verhalten stecken unverarbeitete Enttäuschungen, Trauer und Einsamkeit. Inga trauert um ihren verschwundenen Sohn. Agnes fühlt sich betrogen. Eybjörg kämpft als jüngere zweite Frau um Anerkennung.
Der Film erinnert bewusst an Norman McLarens Kurzfilm Neighbours von 1952. Dort eskaliert ein Streit um eine Blume in totale Zerstörung. McLarens Film war nur acht Minuten lang. Under the Tree braucht 89 Minuten, um seinen Figuren denselben Weg zum Abgrund zu zeigen – nur langsamer und mit mehr Detailarbeit.
Sigurðsson inszeniert das alles mit einer fast dokumentarischen Ruhe. Er urteilt nicht. Er zeigt einfach, was passiert. Und überlässt es dem Publikum, daraus Schlüsse zu ziehen. Das kann frustrierend sein. Aber es ist auch das, was den Film so wirkungsvoll macht.
Geld und Zuschauerzahlen
Der Film hatte ein geschätztes Budget von rund 250 Millionen Isländischen Kronen (etwa 1,7 Millionen Euro). An den weltweiten Kinokassen spielte er rund 945.000 US-Dollar ein. In den USA, wo er am 6. Juli 2018 in limitiertem Verleih startete, betrug das Einspielergebnis knapp 68.000 US-Dollar. Das Eröffnungswochenende brachte dort 13.617 US-Dollar.
In Island selbst war der Film ein Erfolg und gehörte zu den meistgesehenen Filmen des Jahres 2017. Für ein Land, in dem jährlich nur etwa fünf bis sechs Spielfilme produziert werden, ist das eine beachtliche Leistung.
Bedeutung für das isländische Kino
Under the Tree steht in einer Reihe von isländischen Filmen, die international Aufmerksamkeit erregten. Titel wie Sture Böcke (Hrútar, 2015), Von Menschen und Pferden (Hross í oss, 2013) oder Gegen den Strom (Kona fer í stríð, 2018) zeigen, dass das isländische Kino trotz seiner geringen Größe eine eigene, unverwechselbare Stimme hat. Diese Filme verbinden oft trockenen Humor mit düsteren Themen und einer visuellen Ästhetik, die das karge nordische Licht nutzt.
Sigurðssons Film passt genau in diese Tradition. Er zeigt keine spektakuläre isländische Landschaft. Stattdessen spielt er in gesichtslosen Reihenhaussiedlungen, die genauso gut in Österreich, Dänemark oder Kalifornien stehen könnten. Das macht die Geschichte universell. Jeder kennt Nachbarschaftskonflikte. Was der Film zeigt, ist, wie schnell daraus etwas Unkontrollierbares werden kann.







