Picco ist ein deutscher Kinofilm aus dem Jahr 2010. Regie führte Philip Koch, der auch das Drehbuch schrieb. Der Film greift den realen Foltermord in der Justizvollzugsanstalt Siegburg vom Herbst 2006 auf. In der Knast-Sprache steht das Wort „Picco“ – abgeleitet vom italienischen „Piccolo“ (der Kleine) – für Neuankömmlinge im Jugendgefängnis. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen Häftlings, der in einem Jugendknast in eine Spirale aus Gewalt, Erniedrigung und Machtmissbrauch gerät. Mit seinem ungeschönten Blick auf das Leben hinter Gittern sorgte Picco bei Festivals für heftige Reaktionen. Trotzdem – oder gerade deshalb – wurde er mehrfach ausgezeichnet und lief sogar bei den Filmfestspielen von Cannes.
Was in der Zelle passiert – die Handlung
Der junge Kevin kommt als Neuling in eine Zelle mit drei anderen Jugendlichen: Tommy, Marc und Andy. Die Zelle ist eigentlich für zwei Personen gedacht, aber wegen Überbelegung müssen sich vier Jungs den engen Raum teilen.
Von Anfang an bekommt Kevin die Hierarchie zu spüren. Marc und Andy sind die Stärkeren. Sie demütigen ihn, schikanieren ihn, testen seine Grenzen. Kevin glaubt anfangs noch an das Gute im Menschen. Er will sich nicht anpassen. Aber sein Zellengenosse Tommy, der selbst eher schmächtig ist, macht ihm klar: Wer hier überleben will, muss sich dem System beugen. Es gibt nur Täter oder Opfer.
Dann lernt Kevin den Insassen Juli kennen. Die beiden freunden sich an. Aber als herauskommt, dass Juli wegen eines Vergehens auf dem sogenannten „Schwulenstrich“ verhaftet wurde, wird er zum Ziel. Die anderen Häftlinge demütigen ihn, und schließlich wird er in der Wäscherei vergewaltigt. Tommy und Kevin sind Zeugen. Aber sie schauen weg. Aus Angst, selbst das nächste Opfer zu werden.
Juli hält die Peinigungen nicht mehr aus. Er nimmt sich das Leben. Kevin ist erschüttert. Er streitet sich mit Tommy darüber – Kevin will, dass Tommy Schuld anerkennt. Aber Tommy blockt ab: „Jeder ist für sich selber verantwortlich.„
Ein weiterer Wendepunkt: Kevins Freundin besucht ihn und erklärt, dass sie den Kontakt abbrechen will. Diese Nachricht trifft Kevin hart. Aus seiner Trauer wird Wut. Beim Fußballspiel schlägt er einen Mitspieler zusammen. Und in der Zelle beginnt er, die Aggression auf Tommy zu lenken. Plötzlich ist Tommy der neue Prügelknabe.
Die Gewaltspirale dreht sich immer schneller. Marc und Andy beschließen, sie wollen Tommys Selbstmord sehen. Sie foltern ihn, setzen ihn unter Druck – psychisch und körperlich. Kevin versucht anfangs noch, sich rauszuhalten. Aber als Tommy nicht freiwillig stirbt, verlangen Marc und Andy von Kevin, dass er ihn umbringt. „Er oder du“ – das ist die Botschaft.
Kevin widersetzt sich. Aber der Druck ist zu groß. Am Ende bricht er seine letzten Prinzipien und bringt einen inszenierten Selbstmord zu Ende.
Die letzte Szene zeigt Kevin, Marc und Andy in der Zelle. Sie reden über die Zukunft. Alle drei sind sichtbar gezeichnet von dem, was passiert ist. Ein Tennisball prallt monoton gegen die Wand – das gleiche Geräusch wie am Anfang des Films. Im Knast geht alles weiter wie immer.
Vom Studentenprojekt nach Cannes – die Entstehung
Picco war Philip Kochs Abschlussfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF). Dass ein Studentenfilm es bis nach Cannes schafft, ist extrem selten. Koch selbst beschrieb das als „surreal„.
Die Initialzündung für das Projekt war der Foltermord in der JVA Siegburg im Jahr 2006. Dort hatten jugendliche Insassen ihren Zellengenossen gefoltert und zum Selbstmord gezwungen. Koch hörte davon, verdrängte es zunächst – aber das Thema ließ ihn nicht los.
Für die Recherche las Koch alles, was zum Thema verfügbar war. Dann besuchte er Jugendgefängnisse und sprach mit allen Beteiligten: Anstaltsleitern, Beamten, Psychologen und vor allem den Häftlingen selbst. Besonders die Gespräche mit den Inhaftierten prägten ihn. In einem Interview sagte er: „Das sind Kinder, die dort sitzen. Selbst wenn die 20 oder 22 Jahre alt sind, lesen sie die Bravo.“
Der Journalist Klaus Jünschke, Autor des Buchs „Pop Shop„, half Koch bei der Recherche. Er stellte Tonaufnahmen aus Gefängnissen zur Verfügung. Die rohe Sprache auf diesen Bändern floss direkt in die Dialoge des Films ein.
Wichtig war Koch, dass er mit erfahrenen Schauspielern arbeitete – nicht mit Laien. Besonders im letzten Drittel des Films gehe es „ans Eingemachte„, sagte er. Für unerfahrene Darsteller hätte das gefährlich werden können.
Wer vor der Kamera stand – Besetzung und Darsteller
Die vier Hauptrollen sind mit damals aufstrebenden Jungschauspielern besetzt:
| Rolle | Darsteller |
|---|---|
| Kevin (Picco) | Constantin von Jascheroff |
| Tommy | Joel Basman |
| Marc | Frederick Lau |
| Andy | Martin Kiefer |
Vor allem Frederick Lau war 2010 bereits durch den Erfolgsfilm „Die Welle“ bekannt. Seine Darstellung des brutalen, aber in einzelnen Momenten verletzlichen Marc wurde besonders gelobt. Wenn er sich zum Beispiel ein Video von seiner Freundin und seinem neugeborenen Kind anschaut, zeigt sich kurz eine andere Seite.
Constantin von Jascheroff überzeugt als Kevin mit einer Wandlung, die man als Zuschauer mit wachsendem Unbehagen beobachtet. Vom verängstigten Neuling zum Mittäter – diese Entwicklung wirkt erschreckend glaubwürdig.
In Nebenrollen sind unter anderem Leonie Benesch als Kevins Freundin, Rainer Bock als Herr Reinhard, Edin Hasanovic und Aram Arami als Mitinsassen sowie Willi Gerk als der tragische Juli zu sehen. Mehrere dieser Darsteller machten in den folgenden Jahren größere Karrieren im deutschen Film und Fernsehen.
Grau, eng, beklemmend – Technik und Stil
Regisseur Koch setzte auf einen dokumentarischen Stil. Die Bilder sind entsättigt, die Farben grau und kalt. Das soll die Tristesse des Knastalltags auf das Filmbild übertragen.
Kameramann Markus Eckert und Cutter André Bendocchi-Alves schufen eine Optik, die den Zuschauer nah an das Geschehen bringt. Zwischen den Szenen zeigt der Film immer wieder leere Gefängnisflure, karge Architektur, vergitterte Fenster. Das erzeugt ein dauerhaftes Gefühl der Enge.
Besonders eine Szene macht das greifbar: Kevin joggt im Innenhof – und braucht nur ein paar Schritte, um den ganzen Hof zu umrunden. Der Raum ist minimal. Freiheit gibt es hier nicht, nicht mal ein bisschen.
Musik setzt Koch bewusst kaum ein. Die Stille zwischen den Dialogen erzeugt Spannung – oder besser gesagt: Beklemmung. Das monotone Tennisball-Geräusch, das den Film rahmt, wird zum Symbol: Alles wiederholt sich. Nichts ändert sich.
Manche Kritiker verglichen Kochs Stil mit dem des österreichischen Regisseurs Michael Haneke, besonders mit dessen Film „Funny Games„. Beide setzen auf kalte Präzision, bewusste Stille und die Konfrontation des Zuschauers mit schwer erträglicher Gewalt. Koch nutzt allerdings eine gezieltere Kameraführung, was laut einigen Kritikern den dokumentarischen Anspruch etwas untergräbt.
Unterbrochen wird die Handlung durch Einzelgespräche mit einer Gefängnispsychologin. In diesen Szenen erfährt man mehr über die innere Welt der Figuren. Allerdings kommen nicht alle Hauptfiguren in diesen Gesprächen zu Wort, und in der zweiten Filmhälfte verschwinden die Szenen ganz.
Eklat in Saarbrücken, Applaus in Cannes – die Rezeption
Die Uraufführung fand im Januar 2010 beim Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken statt. Der Film löste wegen seiner Gewaltdarstellung einen Eklat aus. Zuschauer verließen den Saal. Trotzdem gewann Picco den Filmpreis des Saarländischen Ministerpräsidenten.
Wenige Monate später folgte die Einladung in die Quinzaine des Réalisateurs (Regisseurswoche) der 63. Filmfestspiele von Cannes. Auch dort waren die Reaktionen heftig. Koch erzählte später, ein älterer Franzose habe den Saal verlassen und gebrüllt, das sei „Auschwitz„. Ein anderer habe Koch angeschrien, er gehöre für diesen Film „ins Irrenhaus„.
Bei der Berlinale wurde der Film zunächst für sämtliche Kategorien abgelehnt – was die spätere Cannes-Einladung umso bemerkenswerter macht.
Die Filmkritik reagierte überwiegend positiv:
- Kino-zeit.de: „Picco ist schlichtweg die deutsche Entdeckung des Jahres.“
- Filmstarts.de: „‚Picco‘ ist beklemmend bis zur Unerträglichkeit. Ein kleines Meisterstück.“
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Ein intensives, produktiv unangenehmes Kammerspiel, das einen auch nach Tagen nicht losließ.“
- Filmbewertungsstelle Wiesbaden: „Picco tut weh, ist unbarmherzig und grausam. Ein schlicht großartiger Film!“
Die FSK gab den Film ab 16 Jahren frei. Er erhielt außerdem das Prädikat „Besonders Wertvoll„.
Preise und Nominierungen
Picco sammelte zahlreiche Auszeichnungen:
- 2010: Preis des Saarländischen Ministerpräsidenten beim Filmfestival Max Ophüls Preis
- 2010: Nominierung für den Nachwuchspreis Caméra d’Or bei den Filmfestspielen von Cannes
- 2010: German Independence Award – Bester deutscher Film beim Internationalen Filmfest Oldenburg
- 2010: Friedenspreis des Deutschen Films – Die Brücke (Nachwuchspreis)
- 2010: Fünf Seen Filmpreis – Silberne Schale
- 2010: Prädikat „Besonders Wertvoll“ der Filmbewertungsstelle Wiesbaden
- 2010: Nominierung für den First Steps Award (Bester Film, Beste Kamera)
- 2011: New Faces Award – Bester Debütfilm
Mehr als ein Knastfilm – die Botschaft
An der Oberfläche ist Picco ein Film über das Versagen des Jugendstrafvollzugs. Die Beamten bekommen von den Übergriffen nichts mit – oder wollen nichts mitbekommen. Die Psychologin verteilt Schlaftabletten und redet in leeren Phrasen. Statt Rehabilitation passiert das Gegenteil: Der Knast macht die Insassen schlimmer.
Aber Koch sieht in seinem Film auch eine Metapher auf die Gesellschaft. Das Thema Zivilcourage steht im Zentrum. Die Mechanismen von Mobbing, Unterdrückung und Machtspielen, die der Film zeigt, kommen überall vor: in der Schule, am Arbeitsplatz, in Familien. Normalerweise gibt es eine moralische Instanz, die das unter Kontrolle hält. Im Jugendgefängnis fehlt diese Instanz. Die letzten 20 Minuten des Films zeigen dann, wohin das führen kann.
Der Satz „In this house you have one friend – yourself„, der an einer Zellenwand steht, fasst die Botschaft zusammen. Wer in diesem System überleben will, muss seine Moral aufgeben. Und genau das macht den Film so verstörend: Man beobachtet, wie ein ganz normaler Junge Schritt für Schritt seine Menschlichkeit verliert.
Was Philip Koch danach machte
Philip Koch ging nach Picco bewusst in eine andere Richtung. Er wollte nicht in eine Schublade gesteckt werden. Sein nächstes großes Projekt war die Netflix-Science-Fiction-Serie „Tribes of Europa“ (2021). Außerdem inszenierte er das für den internationalen Emmy nominierte Drama „Play„.
2022 gründete Koch seine eigene Produktionsfirma „Nocturna Productions“ in München, die sich auf hochwertiges Genre-Entertainment für Film und Fernsehen spezialisiert. Seine Arbeiten wurden unter anderem für den Grimme-Preis und den Deutschen Fernsehpreis nominiert.
Koch wird in Deutschland und den USA vertreten – in den USA durch die Agentur UTA, eine der größten Talentagenturen Hollywoods.
Übersicht
| Originaltitel | Picco |
| Land | Deutschland |
| Jahr | 2010 |
| Regie & Drehbuch | Philip Koch |
| Kamera | Markus Eckert |
| Schnitt | André Bendocchi-Alves |
| Laufzeit | ca. 105–106 Minuten |
| FSK | ab 16 |
| Kinostart | 3. Februar 2011 |
| Verleih | Movienet |
| Produktion | Walker + Worm Film GmbH & Co. KG |
| Förderer | HFF München |







