Lady Macbeth ist ein britisches Filmdrama aus dem Jahr 2016, inszeniert von Regisseur William Oldroyd. Der Film basiert lose auf der Novelle Die Lady Macbeth von Mzensk des russischen Autors Nikolai Leskow aus dem Jahr 1865. Das Drehbuch schrieb die britische Autorin Alice Birch. In der Hauptrolle ist Florence Pugh zu sehen, die hier ihren internationalen Durchbruch erlebte. Der Film feierte seine Premiere am 10. September 2016 beim Toronto International Film Festival. In den deutschen Kinos lief er ab dem 2. November 2017. Mit einem sehr geringen Budget von nur rund 650.000 US-Dollar spielte der Film weltweit etwa 5 Millionen US-Dollar ein. Die Handlung spielt im viktorianischen England Mitte des 19. Jahrhunderts und erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die in eine lieblose Ehe gezwungen wird und sich daraus mit zunehmend drastischen Mitteln befreit.
Wie aus einer Novelle ein Kostümdrama wurde
Die literarische Vorlage für den Film stammt von Nikolai Leskow. Dessen Novelle Die Lady Macbeth von Mzensk erschien 1865 und erzählt einen Kriminalfall im zaristischen Russland. Leskow griff dabei auf einen echten Fall zurück. Die Novelle wurde später auch von Dmitri Schostakowitsch als Oper vertont (1934). Mitte des 19. Jahrhunderts war es unter russischen Autoren beliebt, Stoffe von William Shakespeare ins Zarenreich zu verlegen. So schrieb etwa Iwan Turgenew Ein König Lear der Steppe.
William Oldroyd, der vor diesem Film hauptsächlich als Theaterregisseur bekannt war, drehte den Stoff nun gewissermaßen um. Er verlegte die Geschichte zurück nach Großbritannien – allerdings nicht nach Schottland wie bei Shakespeares Original, sondern in den Norden Englands. Das war eine bewusste Entscheidung. Auf die typischen Elemente des Shakespeare-Stoffs wie Hexen, Prophezeiungen und Königshäuser verzichtete der Film komplett. Stattdessen stand die Frage im Mittelpunkt, wie aus einer unterdrückten Ehefrau eine skrupellose Intrigantin wird.
Alice Birch schrieb das Drehbuch. Sie ist vor allem als Dramatikerin bekannt und hat sich auf Geschichten spezialisiert, die weibliche Perspektiven in den Vordergrund stellen. Für ihr Drehbuch zu Lady Macbeth wurde sie mit einem British Independent Film Award ausgezeichnet.
Die Handlung: Gefangen zwischen Pflicht und Begehren
Die Geschichte spielt im Jahr 1865 in einer ländlichen Gegend im Norden Englands. Die junge, etwa 17-jährige Katherine wird mit dem deutlich älteren Alexander Lester verheiratet. Eigentlich wurde sie von ihrem Vater zusammen mit einem Stück Land verkauft, um Schulden beim Schwiegervater Boris Lester, einem Minenbesitzer, zu begleichen.
Die Ehe ist von Anfang an lieblos und kalt. In der Hochzeitsnacht befiehlt Alexander seiner Frau, sich auszuziehen und sich an die Wand zu stellen. Er betrachtet sie wie ein Stück Vieh auf seinem Hof. Dann dreht er sich wortlos um und schläft ein. Zu sexuellen Handlungen zwischen den Eheleuten kommt es nicht. Katherine wird außerdem das Verlassen des Hauses ausdrücklich verboten. Sie soll im weitläufigen, aber dunklen und kalten Herrenhaus bleiben.
Der Schwiegervater Boris setzt Katherine unter Druck. Er will einen Erben und wirft ihr vor, ihre ehelichen Pflichten nicht zu erfüllen. Katherine ist in dieser Welt praktisch rechtlos. Sie hat keine Stimme, keine Freiheit, keinen eigenen Willen – zumindest wird ihr das so vermittelt.
Katherine leidet unter Langeweile und Einsamkeit. Durch den Mangel an frischer Luft und Beschäftigung ist sie ständig müde. Das empfindet der Hausherr als ungehörig. Er befiehlt der schwarzen Dienerin Anna (gespielt von Naomi Ackie), Katherine die Schläfrigkeit auf fast schon folterähnliche Weise abzugewöhnen.
Als sowohl Alexander als auch Boris das Haus für längere Zeit verlassen, ändert sich alles. Katherine nutzt die Freiheit und streift draußen umher. Dabei stößt sie auf eine Szene, in der die Knechte des Hauses mit ihrer Zofe Anna üble Spielchen treiben. Der Anführer ist Sebastian, ein neuer Stallbursche. Katherine befreit Anna resolut. In den folgenden Tagen nähert sich Sebastian Katherine an. Er folgt ihr, macht anzügliche Bemerkungen. Eines Nachts dringt er in ihr Schlafzimmer ein. Nach kurzem Widerstand beginnt eine leidenschaftliche Affäre.
Katherine unternimmt wenig, um die Beziehung geheim zu halten. Bald weiß die ganze Gegend Bescheid. Sogar der Pfarrer macht ihr Vorhaltungen – Katherine wirft ihn kurzerhand aus dem Haus. Mit der Rückkehr von Boris eskaliert die Situation. Der Schwiegervater entdeckt die Affäre und bestraft Sebastian brutal. Doch Katherine ist nicht mehr bereit, sich in ihr altes Leben zurückdrängen zu lassen. Was folgt, ist ein blutiger Befreiungskampf, bei dem Katherine vor nichts zurückschreckt – auch nicht vor Mord.
Katherine: Opfer und Täterin zugleich
Eine der größten Stärken des Films ist die Komplexität seiner Hauptfigur. Katherine beginnt als Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft. Sie wird verkauft, eingesperrt und gedemütigt. Der Zuschauer empfindet zunächst Mitgefühl mit ihr. Doch im Verlauf der Geschichte überschreitet Katherine immer mehr moralische Grenzen.
Eine Schlüsselszene zeigt diese Entwicklung besonders deutlich: Als Katherine die Knechte davon abhält, Anna zu belästigen, benutzt sie fast exakt dieselben Worte, mit denen ihr Mann sie im Schlafzimmer gedemütigt hat. Sie übernimmt die Sprache der Unterdrücker. Ihre Befreiung geschieht nicht durch einen Bruch mit dem System, sondern dadurch, dass sie dessen Methoden für sich selbst nutzt.
Im weiteren Verlauf wird Katherine zur Mörderin. Ihre Taten sind kalkuliert und gnadenlos. Der Film stellt dabei die unbequeme Frage, ob ein Opfer durch seine Taten aufhört, ein Opfer zu sein. Oder ob das System, das Katherine geformt hat, letztlich die eigentliche Schuld trägt. Eine einfache Antwort gibt der Film bewusst nicht.
Klasse, Geschlecht und Hautfarbe im viktorianischen England
Neben der Frage nach Geschlechterrollen behandelt der Film auch Themen wie Klasse und Rassismus. Die Dienerin Anna ist schwarz – eine bewusste Entscheidung der Filmemacher. Anna steht in der gesellschaftlichen Hierarchie noch unter Katherine. Während Katherine als weiße Frau zumindest gewisse Privilegien hat, ist Anna doppelt unterdrückt: als Frau und als Person of Colour.
Besonders bitter ist, dass Katherine am Ende auch Anna zum Opfer ihrer Pläne macht. Die anfängliche Solidarität zwischen den beiden Frauen – Katherine rettet Anna vor den Knechten – löst sich im Verlauf des Films auf. Katherine nutzt ihre Stellung als Herrin rücksichtslos aus. Der Film zeigt damit, wie Unterdrückungssysteme funktionieren: Wer selbst unterdrückt wird, gibt den Druck oft an noch Schwächere weiter.
Sebastian als schwarzer Stallbursche steht ebenfalls ganz unten in der sozialen Ordnung. Seine Beziehung zu Katherine ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch ein Tabubruch auf mehreren Ebenen: Er ist ein Mann niedrigerer Klasse, er ist schwarz, und er hat eine Affäre mit der Frau seines Herrn. Diese Konstellation sorgt für zusätzliche Spannung und macht den Film zu mehr als einem einfachen Kostümdrama.
Vor und hinter der Kamera
Florence Pugh spielt die Hauptrolle der Katherine. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten war sie erst 19 Jahre alt. Ihr Filmdebüt hatte sie 2014 in The Falling gegeben. Mit Lady Macbeth wurde sie international bekannt. Später folgten Rollen in Filmen wie Midsommar, Little Women und Black Widow.
Cosmo Jarvis spielt den Stallburschen Sebastian. Jarvis ist nicht nur Schauspieler, sondern auch Sänger und Songwriter. Er bringt eine körperliche Präsenz in die Rolle, die den Film mit trägt.
Paul Hilton verkörpert den Ehemann Alexander, Christopher Fairbank den Schwiegervater Boris. Beide spielen ihre Rollen mit einer Kälte und Härte, die das Unbehagen des Zuschauers verstärkt.
Hinter der Kamera arbeitete die australische Kamerafrau Ari Wegner. Ihre Arbeit an Lady Macbeth fiel sofort auf. Wegner nutzt statische Einstellungen, lange Kamerafahrten und ein gedämpftes Farbspektrum, das die Enge und Tristheit von Katherines Leben visuell unterstreicht. Wegner wurde später für ihre Arbeit an The Power of the Dog (2021) für einen Oscar nominiert.
Die Filmmusik stammt von Dan Jones, einem der gefragtesten Komponisten Großbritanniens. Die Musik ist sparsam eingesetzt, was die Stille und Isolation im Film noch stärker spürbar macht.
Als Drehorte dienten unter anderem Lambton Castle in County Durham und verschiedene Orte in Northumberland. Die historischen Gebäude und die karge Landschaft des Nordens tragen wesentlich zur Atmosphäre des Films bei.
Was Kritiker und Publikum sagten
Der Film wurde von der Kritik sehr positiv aufgenommen. Auf der Plattform Filmstarts.de erhielt er eine Bewertung von 4,5 von 5 Sternen und das Prädikat „hervorragend“. Besonders gelobt wurden die Darstellung von Florence Pugh, die dichte Atmosphäre und die konsequente Erzählweise.
Kritiker hoben hervor, dass der Film trotz seiner kurzen Laufzeit von nur 89 Minuten eine enorme Wucht entfaltet. Die Handlung ist straff erzählt, ohne unnötige Längen. Gleichzeitig lässt sich der Film Zeit für stille Momente, in denen die Kamera einfach auf Katherines Gesicht ruht.
Auch die Freigabe ab 12 Jahren (FSK 12) wurde diskutiert. Der Film enthält zwar keine übermäßig expliziten Szenen, aber die dargestellte psychische Gewalt und die moralische Ambiguität sind durchaus anspruchsvoll.
International gewann Lady Macbeth zahlreiche Preise. Bei den British Independent Film Awards erhielt der Film mehrere Auszeichnungen, darunter für das beste Drehbuch (Alice Birch) und die beste Hauptdarstellerin (Florence Pugh). Auch beim Toronto International Film Festival wurde der Film begeistert aufgenommen.
Übersicht
| Eigenschaft | Details |
|---|---|
| Originaltitel | Lady Macbeth |
| Produktionsland | Großbritannien |
| Erscheinungsjahr | 2016 |
| Länge | 89 Minuten |
| Regie | William Oldroyd |
| Drehbuch | Alice Birch |
| Kamera | Ari Wegner |
| Schnitt | Nick Emerson |
| Musik | Dan Jones |
| FSK | ab 12 Jahren |
| Budget | ca. 650.000 US-Dollar |
| Einspielergebnis | ca. 5 Millionen US-Dollar |
| Verleih (Deutschland) | Koch Films |
| Kinostart Deutschland | 2. November 2017 |
Warum dieser Film bis heute nachwirkt
Lady Macbeth ist mehr als ein historisches Drama. Der Film wirft Fragen auf, die auch heute noch relevant sind: Wie gehen Menschen mit Machtlosigkeit um? Wann wird ein Opfer zum Täter? Und wie durchdringen Klasse, Geschlecht und Hautfarbe unser gesamtes gesellschaftliches Zusammenleben?
Für William Oldroyd war der Film ein gelungenes Spielfilmdebüt, das ihm die Türen in der Filmindustrie öffnete. Für Florence Pugh war es der Startschuss einer beeindruckenden Karriere. Und für das Publikum bleibt Lady Macbeth ein Film, der lange im Kopf bleibt – nicht wegen spektakulärer Effekte, sondern wegen seiner ruhigen, kompromisslosen Erzählweise.







