KussKuss – Dein Glück gehört mir ist eine deutsch-schweizerische Tragikomödie aus dem Jahr 2005. Regie führte Sören Senn, das Drehbuch schrieben Katrin Milhahn und Sören Senn gemeinsam. Der Film erzählt die Geschichte einer Dreiecksbeziehung zwischen einer idealistischen Berliner Ärztin, ihrem arbeitslosen Freund und einer illegal in Deutschland lebenden Algerierin. Im Mittelpunkt steht die Idee einer Scheinheirat, die schnell außer Kontrolle gerät. Der Film wurde an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg als Abschlussfilm produziert und beim Babelsberger Medienpreis 2005 als Bester deutscher Absolventenfilm im Bereich Spielfilm ausgezeichnet. Trotz seines Low-Budget-Charakters lief der Film auf zahlreichen internationalen Festivals und erhielt positive Kritiken für seine stilsichere Inszenierung und die überzeugenden Darstellerleistungen.
Worum es in dem Film wirklich geht
Katja (Carina Wiese) arbeitet als Assistenzärztin in einem Berliner Krankenhaus. Eines Nachts hört sie hinter einer verschlossenen Tür einen Streit zwischen einem Mann und einer Frau. Sie ruft den Wachmann John (Daniel Stock) und einen Polizisten (Samir Osman). Der Mann kann fliehen. Aber der Polizist interessiert sich mehr für die ausländische Putzfrau, die sich mit dem Unbekannten gestritten hat. Bei der Überprüfung ihrer Papiere stellt sich heraus: Saïda (Saïda Jawad), geboren am 25. April 1974 in Algerien, hält sich illegal in Berlin auf. Ihre Duldung gilt nur für Boitzenburg und läuft bald ab. Sie arbeitet außerdem ohne Erlaubnis.
Bevor die Polizei sie festnehmen kann, rennt Saïda davon. Am nächsten Morgen findet Katja sie in einer Abstellkammer im Krankenhaus. Weil Katja sich schuldig fühlt – ihr Eingreifen hat die Situation verschlimmert –, schmuggelt sie die verängstigte Frau nach draußen. Sie nimmt Saïda mit in die Wohnung, die sie sich mit ihrem Lebenspartner Hendrik (Axel Schrick) teilt. Hendrik ist ein arbeitsloser Geisteswissenschaftler. Er ist nicht begeistert von Katjas Aktion und hält wenig von ihrem spontanen Engagement.
Die Kommunikation mit Saïda ist schwierig. Die Algerierin spricht weder Deutsch noch Englisch. Der Mann aus dem Krankenhaus heißt Ahmed (Konstantin Achmed Bürger). Er sollte ihr einen gefälschten Pass besorgen, damit sie zu Verwandten nach Schweden reisen kann. Aber sie konnten sich über den Preis nicht einigen. Auch Katja schafft es nicht, mit Ahmed einen Deal zu machen.
Katjas Lösung: eine Scheinheirat zwischen Hendrik und Saïda. Damit könnte Saïda die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen und wäre vor der Abschiebung geschützt. Was Katja nicht ahnt: Während ihrer Dienstzeiten im Krankenhaus haben Hendrik und Saïda längst eine Affäre begonnen. Hendrik fühlt sich schuldig und will die Scheinheirat eigentlich nicht. Aber Katja überredet ihn. Er geht mit Saïda zum Standesamt und erzählt der Standesbeamtin (Anna Stieblich) eine Geschichte von einer langjährigen Liebesbeziehung.
Dann die Katastrophe: Katja kommt unerwartet nach Hause zurück und erwischt Hendrik und Saïda beim Liebesspiel auf dem Fußboden. Sie wirft Hendrik vor, die Notlage einer Frau ausgenutzt zu haben. Aber in Wahrheit war es Saïda, die Hendrik verführt hat. Zielstrebig ist sie dabei, ihrer Wohltäterin den Freund auszuspannen.
Die Figuren und ihre Widersprüche
Das Besondere an dem Film: Keine der drei Hauptfiguren ist einfach nur gut oder schlecht. Jede hat Stärken und Schwächen, sympathische und unsympathische Züge. Das Mitgefühl des Zuschauers wechselt während des Films immer wieder von Figur zu Figur.
Katja meint es gut. Sie will nicht nur für ihre Patienten da sein, sondern zeigt auch Zivilcourage. Aber sie ist blind für die Person Saïdas. Sie interessiert sich nicht für deren kulturellen Hintergrund. Hendrik muss sie am ersten Abend darauf hinweisen, dass Saïda vermutlich kein Schweinefleisch isst. Als Katja Kleidung für die Algerierin kauft, fragt sie nicht nach deren Geschmack – sie wählt aus, was ihr selbst gefällt. Katjas Hilfsbereitschaft hat etwas Bevormundendes. Vielleicht will sie auch einfach aus ihrem geregelten Alltag ausbrechen.
Hendrik ist das Gegenteil von Katja. Er ist passiv, lässt sich treiben, produziert nichts. Aber er hört besser zu und erfährt viel mehr von Saïda als Katja. Weil er sich von anderen die Richtung vorgeben lässt, verfällt er Saïdas Verführungskünsten und gefährdet damit seine Beziehung.
Saïda wirkt zunächst wie ein unschuldiges Opfer deutscher Bürokratie. Aber rasch zeigt sich eine andere Seite. Sie ist zielstrebig, fühlt sich zu dem verständnisvollen Hendrik hingezogen und verachtet im Grunde Katjas Naivität und Ignoranz. Die Filmkritik der Zeitschrift cinema.de beschrieb den Film als Auseinandersetzung mit positiver Diskriminierung und als Toleranz getarnter Selbstverleugnung.
Wie der Film endet
Eine Scheinheirat kommt nach der Entdeckung der Affäre nicht mehr infrage. Aber Katja fühlt sich weiterhin verpflichtet, Saïda zu helfen. Als sie die beiden noch einmal beim Händchenhalten erwischt, verlässt sie die Wohnung und flieht zu ihrem greisen Vater (Victor Choulman), einem Einwanderer aus Odessa, der sich todkrank fühlt.
Hendrik will nicht mehr in Versuchung kommen und bringt Saïda im Wochenendhaus des befreundeten Paares Max (Torsten Lensing) und Tinka (Ursina Lardi) unter. Katja hielt ihren Vater immer für einen Hypochonder – doch er stirbt tatsächlich an einem Herzinfarkt.
Hendrik besorgt schließlich einen Pass für Saïda. Gemeinsam mit Max und Tinka fahren Hendrik und Katja zum Wochenendhaus. Als Katja und Hendrik erneut streiten, läuft Saïda fort. Hendrik folgt ihr. Saïda macht ihm eine Liebeserklärung. Aber Hendrik entscheidet sich für Katja und kehrt zurück. Nur: Katja ist bereits mit Max und Tinka im Auto weggefahren. Hendrik rennt zurück zu Saïda – auch sie ist verschwunden.
Im Schlussbild sehen wir Saïda im Zug nach Schweden sitzen. Selbstsicher nimmt sie ihren Pass für die Kontrolle heraus.
Wer hinter dem Film steht
Sören Senn wurde 1969 in Chur (Graubünden, Schweiz) geboren. Er studierte zunächst Literaturwissenschaft, Philosophie und Religionswissenschaft in Berlin und Paris. 1995 schloss er mit einem Master of Arts ab. Danach arbeitete er als Theaterdramaturg, Werbetexter und Reportage-Journalist. Von 1999 bis 2005 absolvierte er ein Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Seit 1991 lebt er in Berlin.
KussKuss war sein Abschlussfilm an der Hochschule und zugleich sein erster abendfüllender Kinofilm. Dass es sich um ein Debüt handelt, fiel laut Kritikern kaum auf. Der Film zeige eine verblüffende Stilsicherheit.
Co-Autorin Katrin Milhahn studierte ebenfalls an der Hochschule Konrad Wolf in Potsdam und schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Senn. Die Kamera führte Marc Christian Weber, den Schnitt übernahm Kristine Langner. Für die Musik war Boris Bergmann verantwortlich, den Titelsong sang Samirah Al Amrie. Produziert wurde der Film von Dorothe Beinemeier, Maik Plewnia und Steffen T. Sengebusch über die Produktionsfirma Novapool Production in Zusammenarbeit mit der Filmhochschule.
Sören Senn drehte in den Folgejahren weitere Filme, darunter den Dokumentarfilm „Canzun Alpina – Stimmen des Herzens“ (2008), „Charlys Comeback“ (2010) und den Dokumentarfilm „Weg vom Fenster – Leben nach dem Burnout“ (2017). Er führte außerdem Regie bei Folgen der ARD-Serie „Großstadtrevier“.
Überblick
| Rolle | Darsteller |
|---|---|
| Katja | Carina Wiese (Carina N. Wiese) |
| Saïda | Saïda Jawad |
| Hendrik | Axel Schrick |
| Katjas Vater | Victor Choulman |
| John (Wachmann) | Daniel Stock |
| Tinka | Ursina Lardi |
| Polizist | Samir Osman |
| Ahmed | Konstantin Achmed Bürger |
| Max | Torsten Lensing |
| Arztkollege | Ennio Cacciato |
| Standesbeamtin | Anna Stieblich |
| Anmacher-Typ | Abel Lindner |
| Putzfrau | Chantal Mairesse |
| Sprechstundenhilfe | Helke Misselwitz |
Auszeichnungen und Festivalauftritte
Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet und auf renommierten internationalen Filmfestivals gezeigt:
- Babelsberger Medienpreis 2005: Förderpreis für den besten deutschen Absolventenfilm (Spielfilm), dotiert mit 18.000 Euro
- Lagów, Polen (Lubuskie Lato Filmowe, 2006): Silberne Taube (ex aequo)
- San José, USA: Wettbewerbsgewinner
Festivalauswahl:
- Solothurner Filmtage (Januar 2005, Weltpremiere)
- Film-Kunst-Fest Schwerin (Mai 2005)
- Festival des Films du Monde, Montréal (August/September 2005)
- Internationales Filmfest Braunschweig (November 2005)
- Festival International du Film d’Amiens (November 2005)
- Kinofest Lünen (November 2005)
- Berlin & Beyond Film Festival, San Francisco (Januar 2006)
- Internationales Filmfestival Karlovy Vary (Juni/Juli 2006)
- Copenhagen International Film Festival (September 2006)
- Zurich Film Festival (Oktober 2006)
Der Film startete am 1. Juni 2006 in den deutschen Kinos. In Österreich kam er am 19. September 2008 in den Verleih. Der Verleih in der Schweiz lief über Cineworx. Der weltweite Bruttoumsatz lag laut IMDb bei rund 343.678 US-Dollar.
Kritik
Der Filmkritiker Dieter Wunderlich schrieb auf seiner Website, es sei „kaum zu glauben“, dass es sich um den ersten Kinofilm von Milhahn und Senn handele. In der tragikomischen Satire sitze „jede Szene“. Er lobte die Stilsicherheit, die erfrischende Leichtigkeit und das Gespür für Komik. Gleichzeitig achte der Film auf Zwischentöne und beweise Feingefühl. Besonders hervor hob Wunderlich die Darstellerleistungen von Axel Schrick, Carina Wiese, Saïda Jawad, Daniel Stock und Victor Choulman, die ihre Figuren „mit zurückhaltender Gestik und Mimik facettenreich, nuanciert und glaubhaft“ darstellten.
Die Redaktion von cinema.de war kritischer. Sie fand die Themen – positive Diskriminierung und als Toleranz getarnte Selbstverleugnung – zwar relevant. Um sie aber glaubhaft zu dramatisieren, brauche man Identifikationsfiguren und keine Schablonen.
Ein Nutzer auf IMDb nannte den Film „einen der besten Beziehungsfilme seit Jahren“ und hob besonders die Vielschichtigkeit der Figur Saïda hervor, deren Motive dem Zuschauer bis zum Schluss nie ganz klar werden.
Technische Angaben
| Originaltitel | KussKuss – Dein Glück gehört mir |
| Englischer Titel | KussKuss – Your Happiness Depends on Me |
| Produktionsland | Deutschland, Schweiz |
| Jahr | 2005 |
| Länge | 95 Minuten |
| Sprache | Deutsch, Französisch, Russisch, Englisch |
| Genre | Tragikomödie, Sozialdrama |
| FSK | Ohne Altersbeschränkung (FSK 0) |
| Format | 35mm, Farbe |
| Ton | Dolby SR |
| Regie | Sören Senn |
| Drehbuch | Katrin Milhahn, Sören Senn |
| Kamera | Marc Christian Weber |
| Schnitt | Kristine Langner |
| Musik | Boris Bergmann |
| Ton | Lars Ginzel |
| Szenenbild | Paolo Barlascini |
| Kostüm | Martina Carl |
| Produktion | Novapool Production, HFF „Konrad Wolf“ |
| Verleih (D) | Novapool Pictures |
| Verleih (CH) | Cineworx |
| Verleih (A) | Filmladen |







