Anam (türkisch für „meine Mutter“) ist ein deutsches Filmdrama aus dem Jahr 2001. Es ist das Spielfilmdebüt der deutsch-türkischen Regisseurin Buket Alakuş. Der Film erzählt die Geschichte einer türkischen Putzfrau in Hamburg, deren geordnetes Familienleben zerbricht. Ihr Mann betrügt sie und ihr 20-jähriger Sohn ist in die Drogenszene abgerutscht. Zusammen mit ihren zwei Arbeitskolleginnen – einer Deutschen und einer Südafrikanerin – begibt sie sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn. Dabei entwickelt sie ein neues Selbstbewusstsein und löst sich von den traditionellen Rollenbildern. Produziert wurde der Film von der Hamburger Wüste Filmproduktion, die auch die frühen Werke von Fatih Akın realisierte. Die Uraufführung fand am 1. Juli 2001 auf dem Filmfest München bei Arte statt. Der reguläre Kinostart in Deutschland war am 25. April 2002. Die TV-Erstausstrahlung erfolgte am 2. Mai 2003 auf Arte.
Worum es in dem Film geht
Die Türkin Anam lebt mit ihrem Mann Mehmet und ihren zwei Kindern in Hamburg. Sie arbeitet als Putzfrau in einer Reinigungskolonne. Ihr Alltag ist streng nach konservativen türkischen Traditionen ausgerichtet. Sie trägt Kopftuch, ordnet sich ihrem Mann unter und verwehrt sich jeden Schritt in Richtung Eigenständigkeit – selbst den Wunsch, Autofahren zu lernen, unterdrückt sie.
Ihre besten Freundinnen sind ihre Arbeitskolleginnen: die Deutsche Rita, eine laute und schrille Frau mit einem kessen Spruch auf den Lippen, und die Südafrikanerin Didi, die der Welt mit kindlicher Naivität und Lebensfreude begegnet. Trotz aller Unterschiede sind die drei über die Jahre ein eingeschworenes Team geworden.
Anams geordnete Welt bricht auseinander, als gleich zwei Katastrophen auf sie einprasseln: Sie erwischt ihren Mann Mehmet beim Seitensprung mit einer Kollegin. Und sie erfährt, dass ihr 20-jähriger Sohn Deniz schwer heroinabhängig ist und in die Fänge eines brutalen Dealers namens Hasan geraten ist. Mehmet reagiert auf das Drogenproblem seines Sohnes mit eisiger Distanz. Für ihn existiert Deniz nicht mehr.
Zu allem Überfluss zieht auch noch Anams konservative Schwägerin Sevgi bei ihr ein. Sevgi gibt Anam die Schuld am Verschwinden des Ehemanns und will die häusliche Ordnung wiederherstellen. Von allen Seiten unter Druck, entscheidet sich Anam gegen die passive Opferrolle. Sie macht sich mit Rita und Didi auf, um Deniz im Hamburger Kiez zu suchen.
Bei der Suche trifft Anam auf Mandy, die ebenfalls drogenabhängige Freundin ihres Sohnes. Sie nimmt Mandy bei sich auf. Es kommt zu heftigen Konflikten zwischen der traditionsbewussten Türkin und dem frechen Straßenmädchen, das einen schweren Entzug durchmacht. Doch nach und nach wachsen die beiden zusammen. Anam lernt außerdem den freundlichen deutschen Polizisten Bernd kennen, mit dem sich eine zarte Sympathie entwickelt.
Am Ende bilden Anam, Mandy, Rita, Didi und Anams skeptische Tochter Lelâ eine Art multikulturelle Ersatzfamilie. Anam tritt dem Dealer Hasan direkt gegenüber – als entschlossene Kämpferin, die von niemandem mehr aufzuhalten ist.
Die Frau hinter der Kamera: Buket Alakuş
Buket Alakuş wurde am 1. Juli 1971 in Istanbul geboren. Als Kind zog sie mit ihren Eltern nach Hamburg, wo sie aufwuchs. Sie studierte zunächst Kommunikationswissenschaften in Berlin. Danach absolvierte sie ein Filmregiestudium an der Universität Hamburg bei dem bekannten Regisseur und Schauspieler Hark Bohm.
Schon während des Studiums drehte Alakuş mehrere Kurzfilme, die auf Festivals beachtet wurden. Ihr Kurzfilm „Schlüssel“ (1996) wurde beim Festival Mondial du Cinéma des Courts Métrages in Belgien ausgezeichnet.
„Anam“ war ihr erster langer Spielfilm. Sie schrieb das Drehbuch selbst und führte Regie. Die Idee entstand aus einem Zitat ihres Vaters: „Unter den Füßen deiner Mutter liegt das Paradies.“ Diesen Satz hatte er ihr immer gesagt, wenn sie als Jugendliche rebellisch zu ihrer Mutter war. Alakuş widmete den Film ihrer eigenen Mutter, da viele persönliche Züge – besonders die Durchsetzungskraft und der Charakter – in die Hauptfigur einflossen.
Nach „Anam“ drehte Alakuş weitere beachtenswerte Filme. Ihr zweites Kinowerk „Eine andere Liga“ (2005), über eine junge krebskranke Fußballspielerin, brachte ihr den Max-Ophüls-Preis und später den Adolf-Grimme-Preis ein. Weitere bekannte Arbeiten sind „Finnischer Tango“ (2008), der den Publikumspreis beim Festival des deutschen Films gewann, und die Komödie „Einmal Hans mit scharfer Soße“ (2013), die auf dem gleichnamigen Bestseller von Hatice Akyün basiert und zu ihrem kommerziell erfolgreichsten Film wurde.
Wer im Film mitspielt
Die Besetzung von „Anam“ vereint bekannte Gesichter aus dem deutschen Film und Theater:
| Rolle | Darsteller/in |
|---|---|
| Anam | Nursel Köse |
| Rita | Saskia Vester |
| Didi | Audrey Motaung |
| Mandy | Patrycia Ziołkowska |
| Bernd | Leonard Lansink |
| Deniz | Navíd Akhavan |
| Hasan (Dealer) | Birol Ünel |
| Mehmet | Tayfun Bademsoy |
| Lelâ | Jülide Girisken |
| Lisa | Kristiane Kupfer |
| Vorarbeiterin | Barbara Nüsse |
Die Besetzung der Hauptrolle gestaltete sich schwierig. Alakuş suchte eine türkische Schauspielerin Ende dreißig, die sowohl Deutsch als auch Türkisch fließend beherrschte. Nursel Köse wurde zunächst als zu attraktiv eingestuft – sie wirkte laut Alakuş „wie ein Bond-Girl“. Erst beim zweiten Casting, diesmal mit Kopftuch und langem Mantel, überzeugte sie das Team sofort: „Da wussten wir: Das ist Anam.“
Birol Ünel, der den Dealer Hasan spielt, wurde später durch Fatih Akıns Film „Gegen die Wand“ (2004) international berühmt. Leonard Lansink war dem deutschen Fernsehpublikum vor allem als „Wilsberg“ bekannt.
Wie der Film gedreht wurde
Die Dreharbeiten fanden vom 30. Oktober bis zum 5. Dezember 2000 in Hamburg und St. Peter-Ording statt. Das Budget betrug etwas über eine Million D-Mark – für einen Kinofilm eine sehr bescheidene Summe. Dem Team standen nur 28 Drehtage zur Verfügung. Angesichts der vielen verschiedenen Drehorte im Drehbuch war das extrem knapp.
Das Team arbeitete unter hohem Zeitdruck und für stark reduzierte Gagen. Alakuş beschrieb den Dreh später humorvoll als „Döner Kebab: pausenlos in der Hitze drehen, schneiden und immer schnell, schnell.“ Es gab keinen Kamerakran und wenig Lichtequipment. Teilweise wurde in komplett ausgeräumten Wohnungen in Hamburg gedreht.
Der Film wurde auf 35mm im Format 1:1,85 gedreht. Bild- und Tontechnik umfassten Eastmancolor und Dolby Digital Surround. Kameramann Marcus Lambrecht feierte mit „Anam“ ebenfalls sein Langfilmdebüt. Trotz des kleinen Budgets lobten Kritiker den überraschend hochwertigen Look des Films.
Produziert wurde „Anam“ von der Wüste Filmproduktion aus Hamburg. Die Produzenten waren Ralph Schwingel und Stefan Schubert. Als Co-Produzenten fungierten das ZDF (über das „Kleine Fernsehspiel“ unter Redakteur Burkhard Althoff), Arte Deutschland und die Wüste Film West GmbH aus Köln. Zur Finanzierung trugen mehrere Filmförderungen bei: die FilmFörderung Hamburg, das Filmbüro Nordrhein-Westfalen, das Kuratorium Junger Deutscher Film, die Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein und die Filmförderungsanstalt (FFA). Den Erstverleih übernahm Nighthawks Pictures aus Potsdam.
Emanzipation, Klischees und Humor – was den Film besonders macht
„Anam“ bewegt sich bewusst zwischen verschiedenen Genres. Er kombiniert Elemente eines komödiantischen Buddy-Films mit einem ernsten Sozialdrama über Drogensucht und Emanzipation. Diese Mischung aus Heiterem und Traurigem erinnerte Kritiker an die Filme von Pedro Almodóvar oder an den skurrilen Galgenhumor des kubanischen Kinos.
Regisseurin Alakuş ging bewusst offensiv mit Klischees um. Der Film greift gleich drei Stereotypen auf, die das Bild von Türken in Deutschland prägen: Putzfrauen, Kopftücher und Drogen. Aber statt diese ängstlich zu vermeiden, nutzt der Film sie als Ausgangspunkt, um die Erwartungen der Zuschauer zu unterlaufen. Anam ist keine hilflose Figur. Sie entwickelt sich von der unterwürfigen Ehefrau zur selbstbestimmten Frau, die für ihren Sohn kämpft und ihr eigenes Leben in die Hand nimmt.
Der Titel selbst hat im Türkischen eine vielschichtige Bedeutung. Alakuş erklärte das so: Wenn ein Türke in einem Café eine hübsche Frau sieht, ruft er „Anam“ – mit einem erotischen Unterton. Eine Großmutter, die ihren Enkel hält, drückt ihre Liebe ebenfalls mit „Anam“ aus. Und ein Kind, das die Hilfe seiner Mutter braucht, ruft „Anam“. In der Hauptfigur vereinen sich alle drei Bilder: die Großmutter, die Mutter und die begehrenswerte Frau.
Alakuş betonte, sie habe keine rein türkische Geschichte erzählen wollen, sondern eine europäische. Die kulturelle Herkunft sei uninteressant, wenn es um universelle Emotionen gehe. Der Film wolle Gänsehaut erzeugen und das Publikum über Gefühle erreichen – nicht über Belehrung.
Was die Kritiker sagten
Die Meinungen der Kritiker waren geteilt, aber überwiegend wohlwollend.
Das Lexikon des internationalen Films nannte „Anam“ einen „beachtenswerten Erstlingsfilm“. Es lobte die Balance zwischen Leichtigkeit und Schwere, zwischen Lebensfreude und Verzweiflung. Die Regisseurin finde einen offensiven Umgang mit tradierten Klischees, um den Entwicklungsprozess der Protagonistin sinnfällig zu machen.
Das Magazin Cinema war kritischer. Es erkannte zwar den Humor in der Erzählung und die Emanzipationsgeschichte an, bemängelte aber, dass dies „auf denkbar plakative und klischeehafte Weise“ geschehe. Der Vergleich mit Fatih Akın fiel wenig schmeichelhaft aus: „Bis zur Stilsicherheit und Originalität eines Fatih Akın ist es jedenfalls noch ein sehr weiter Weg.“
Hans Schifferle schrieb in epd Film, der Film wirke „modellhaft, allzu transparent in seinen Absichten“. Viele Figuren blieben Typen: der verständnislose Ehemann, die Drogensüchtige, der schurkische Dealer. Er lobte aber die Szenen zwischen Anam und dem Polizisten Bernd, gespielt von Leonard Lansink. In diesen Momenten sei der Film „Kino, das im Alltäglichen das Zauberhafte und Packende sieht.“
TV Spielfilm bewertete den Film als „Erfrischend anders als die übliche TV-Kost“ und vergab eine hohe Bewertung. Die IMDb-Bewertung liegt bei 7,1 von 10 Punkten.
Der Filmdienst hob besonders die Darstellerin Nursel Köse hervor. Ihre „beeindruckende Kraft“ mache ein „multikulturell-feministisches Rührstück von vornherein unmöglich.“
Preise und Festivalerfolge
„Anam“ wurde bei mehreren Filmfestivals gezeigt und erhielt verschiedene Auszeichnungen:
- Geneva Europe Grand Prize 2001 – Preis für das beste Drehbuch, verliehen von der European Broadcasting Union
- Camel Active Independence Award for Genuine Filmmaking (2001)
- 1. Preis für „Beste Regie“ beim Festival International du Film Indépendant in Brüssel
- Publikumspreis „Heinrich“ beim Filmfest Braunschweig (2001)
- Publikumspreis beim Filmfest Oldenburg
- Otto-Sprenger-Preis (2002)
- FBW-Prädikat: wertvoll
Die Uraufführung fand beim Filmfest München 2001 statt, wo der Film auf große Resonanz stieß. Trotz des kleinen Budgets wurde er auf mehreren internationalen Festivals eingeladen.
Wo der Film im deutsch-türkischen Kino steht
„Anam“ erschien in einer Zeit, in der das deutsch-türkische Kino zunehmend an Bedeutung gewann. Filme wie Fatih Akıns „Kurz und schmerzlos“ (1998) und Yüksel Yavuz‘ „Aprilkinder“ (1998) hatten den Weg bereitet. Die Wüste Filmproduktion, die „Anam“ produzierte, war auch für Akıns frühe Filme verantwortlich und spielte eine zentrale Rolle bei der Etablierung dieses Genres.
Was „Anam“ von seinen Vorgängern unterschied, war die weibliche Perspektive. Während Filme wie „Kurz und schmerzlos“ von jungen Männern im Milieu erzählten, stellte Alakuş eine Mutter in den Mittelpunkt. Das war 2001 noch selten. Nur Ayse Polats „Auslandstournee“ war als vergleichbarer Film von einer deutsch-türkischen Regisseurin bekannt.
Der Filmdienst stellte fest, dass seit Fassbinders „Angst essen Seele auf“ (1974) und Tevfik Basers „40 qm Deutschland“ (1986) viel Zeit vergangen sei. Im Vergleich zu Basers Film, in dem die Hauptfigur noch ganz leidendes Opfer der Verhältnisse war, zeige „Anam“ eine Türkin mit Selbstbewusstsein. Eine Frau, die sich nicht fügt.
Anams kleine Tochter Lelâ steht im Film symbolisch für die nächste Generation: „Ich will nicht putzen, ich muss nicht putzen, ich soll ein Buch lesen“, sagt sie trotzig. Eine klare Absage an alte Rollenmuster.







